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20. Oktober 2017

S1E12 – Kokon Adieu

by

Maximilian Mogg

Mr Lush und Olivier sitzen beim Abendessen in einem der Restaurants des Catoys – ihnen war der Sinn nach französischer Küche –  und geniessen ein exzellentes Acht-Gänge-Menue mit passender Weinbegleitung.  Olivier ist sichtlich glücklich über seine Entscheidung, von morgen an Buchhändler zu sein: Rose würde ihn anfangs in die Prozesse einarbeiten und der Stammklientel vorstellen.

Nach einem kleinen Bissen des dritten Gangs – Wolfsbarsch in Salzkruste mit einem Glas Entre deux Mers von Château Paradis Casseuil – setzt Mr Lush an:

Olivier, ich möchte kein Buchhändler sein.  Ich bringe auch nicht ansatzweise die Qualität mit, die es benötigt, und bin zu alt, um zu versuchen, fehlendes Wissen aufzuholen. 

Olivier entgegnet:

Lieber Freund, überrascht hätte es mich, wenn Du den Schritt gewagt hättest und kann deshalb Deine Entscheidung nachvollziehen. 

Sie schweigen für einige Minuten und konzentrieren sich auf das Essen… beide wissen, was diese Entscheidung für sie bedeutet. Als die Teller abgeräumt und die mittelgroßen gegen größere, bauchigere Gläser ausgetauscht wurden, greift Lush in seine Brusttasche und zückt einen Umschlag.

Ich möchte Dir etwas vorlesen. 

Der Ozelot nickt kurz und spannt seine kleinen Lauscher auf.


Sehr geehrte Damen und Herren, 

unsere Wege haben sich in letzter nur wenig gekreuzt, was mir Zeit und Raum gibt, unsere Freundschaften Revue passieren zu lassen. 

Mein Eindruck ist, dass der Begriff Freundschaft unsere Bekanntschaft auf ein falsches Niveau hebt.  Wir scheren uns seit Anbeginn unserer gemeinsamen Zeit wenig um das Leid und die Freuden des Gegenübers und sehen die gemeinsamen Gespräche eher als notwendige Zeitverschwendung.  Wir teilen uns einen Käfig, in dem wir alle meinen, sein zu müssen.  Der Käfig gleicht einer Kruste, die uns jede Bewegung immer mehr erschwert, bis wir uns kleiden, reden und leben wie jeder andere in dieser Gefangenschaft. 

Ich hingegen möchte mein verkrustetes Leben heilen.  Da ihr Teil eben dieser Kruste seid, fange ich mit Euch an.    

Ich freue mich darauf, Euch nicht mehr wiederzusehen und wünsche Euch dennoch ein wunderschönes Restleben.

Herzlichst

Euer TLML


Olivier fokussiert sich auf das just eingetroffene Coq au Vin.  Gereicht wird ein Pinot Noir des Weinguts Clos des Lambrays.  Olivier fragt:

Meinst Du, Du wärest noch verkrustet?

Ich glaube, der Kokon ist abgestreift.  Nur bin ich immer noch eine Raupe. 

Wo willst Du dann hinkriechen?

Weiß nicht.  Kannst Du mir etwas empfehlen? 

Ich habe von der Hotelkatze etwas gehört:  Geh‘ doch mal bei Gelegenheit zu folgender Adresse. 

Vor Mr Lush liegt nun eine Visitenkarte mit der Aufschrift vor:


Mr Mohan Mahto 

Sammler exotischer Tiere


Mr Lushs Äuglein strahlen und seine Lippen formen sich zu einem Lächeln: Dann trinken wir doch auf Buchhändler, gute Freundschaft und ein neues Kapitel. 

Das Klingen der Gläser verschallt im Restaurantgetöse.