Wenn ich ein junger Herr auf der Suche nach meinem eigenen Stil wäre

Ich war jung und brauchte das Geld … für Kleidung.  Zumindest habe ich das immer so gesagt und habe mir mit kleinen Aushilfsjobs in Restaurants mein Hobby Kleidung finanziert.  Wir stellen mittlerweile bei unserer vermehrt jungen Kundschaft ähnliches fest:  Aus einem (noch) verhältnismäßig kleinen Geldbeutel versucht man das Beste rauszuholen.  Man achtet auf Sales, shoppt auf ebay wunderschönes Vintage und bringt unglaublich viel zum Änderungsschneider.  Alles durch- und mitgemacht.  Deshalb erlauben wir uns auch, einen kleinen Ratgeber zu schreiben, um gewisse Fehler zu vermeiden und schon früh einen eigenen Stil zu entwickeln.  Willkommen zu unserem heutigen Artikel “Wenn ich ein junger Herr auf der Suche nach meinem eigenen Stil wäre”.

Problematik

Ein junger Herr ist von Trends, Brands und Sales stark beeinflusst.  Der Geschmack ist für gewöhnlich nicht komplett ausgebildet und man lässt sich von aktueller Modernität verführen.  Hinzu kommt, dass man in jungen Jahren in den seltensten Fällen im Gelde schwimmt.  Man beginnt zu rechnen wie ein Milchmädchen und ist eher bereit, einen günstigen Anzug zu kaufen, um dann einige 100€ in die Änderungen zu investieren, als den nächst höheren Schritt zu wagen.  Außerdem denkt man in den meisten Fällen nur von der Wand bis zur Tapete und vernachlässigt, wie lange man etwas von einem Kleidungsstück haben kann. Zu guter Letzt und damit einhergehend ist der Körper noch in einem einem recht festen Aggregatzustand. Man kann McDonald’s frönen, ohne am nächsten Tag darüber nachzudenken, ob die vier Buchstaben drei Zentimeter tiefer hängen.  Dass aber Kleidung über längere Zeit – oft berichtet – gerne schrumpft, vernachlässigt man gerne.

Fassen wir kurz strukturiert zusammen:

  1. nur bedingt vollausgebildeter Geschmack
  2. kleiner Geldbeutel
  3. Entscheidungen zu Lasten von Langlebigkeit
  4. zu schmal gekauft

Dann wollen wir die Problemchen doch mal angehen und Lösungsansätze präsentieren.

We are following the leader… where ever he may go.

Nur bedingt ausgebildeter Geschmack

Das ist kein Problem, sondern ein Weg.  Wie soll man denn auch alles wissen?!  Was einem steht? Was formal korrekt ist? Was Qualität ist? Kriegt man doch in den meisten Geschäften auf seine Fragen, meist nur Antworten von meist sogar weniger wissenden Unwissenden. Auch haben die Eltern hier in den letzten Jahrzehnten klar ihre Erziehungspflichten vernachlässigt.  Die Lösung ist einfach: Autodidaktik.  Wenn Sie sich wirklich für das Thema interessieren, gehen Sie in die Bibliothek und/oder kaufen sich Bücher und Magazine.  Oder Sie stöbern in den Blogs und Foren dieser Welt.  Ebenfalls können Sie sich visuelle Inspiration auf gewissen Instagram-Accounts sammeln. Folgende Empfehlungen sprechen wir aus – Links bei Blogs, Magazinen und Instagram-Accounts hinterlegt:

Bücher

  1. Alan Flussers Dressing the Man
  2. Alles von Adolf Loos
  3. Erica Papritz’ & Karlheinz Graudenz Etikette Neu
  4. Ann Barrs & Peter Yorks The Official Sloane Ranger Handbook
  5. Bernhard Roetzels Der Gentleman
  6. Freiherr Herrmann-Marten von Eelkings “Garderoben-Gesetze”

Blogs

  1. Simon Cromptons Permanent Style
  2. Hugo Jacomets Parisian Gentleman

Magazine

  1. Plaza Uomo
  2. The Rake

Instagram-Accounts

Schneider

  1. Edward Sexton
  2. Chittleborough & Morgan
  3. Davide Taube
  4. Steven Hitchcock
  5. Henry Poole

Hemdenmacher

  1. Turnbull & Asser
  2. Budd Shirtmakers

Schuhmacher

  1. George Cleverley
  2. Atelier Leonard Kahlcke
  3. Gaziano & Girling
  4. Korbinian Ludwig Heß

Dressmen

  1. Fabio Trombini
  2. Nicola Radano
  3. Tom Stubbs
  4. Milad Abedi
  5. George Packe-Drury-Lowe

Ansonsten sollten Sie ganz einfach in klassisch griechischer Manier mit Menschen, deren Meinung Sie zu dem Thema interessiert, diskutieren, um so die Meinungen anderer zu hören und eigene Punkte vorzutragen.  Es war noch nie einfacher, durch die modernen Medien mit Leuten ins Gespräch zu treten.

Sie werden sich durch diese einfachen Schritte über die Jahre mehr und mehr weiterbilden, können von den Fehlern anderer lernen und so eigene vermeiden und eigene machen.  Klagen wir beispielsweise im Nachhinein nicht alle, dass wir bei unserem ersten navy Anzug auf das zweite Paar Hosen dankend verzichtet haben?  Die besten und schönsten Anzüge und Hemden – das haben wir in unserem Tagesgeschäft gelernt und gesehen – werden von den Kunden geordert, die sich im Vorhinein selbst viele Gedanken über sich selbst und ihren Stil gemacht haben – oder sich ganz von dem Thema frei gesprochen und blind haben helfen lassen.

Personal style comes with age.

Kleiner Geldbeutel

Der kleine Geldbeutel macht es unserer Meinung nach einfacher, eigenen Stil zu entwickeln.  Es ist Ihr Vorteil – und nicht Ihr Nachteil.  Das ist Ihre Phase, in der Sie Wissen sammeln sollten und sich über Ihren Stil Gedanken machen sollen: Wer sich in der Jugend bürstet, muss sich im Alter nicht mehr kämmen.  Sie sollten mit Ihrem kleinen Geldbeutel dennoch das Beste kaufen, was Ihr Geldbeutel zulässt – Sie sollten schlicht und ergreifend einfach mehr darüber nachdenken, was Sie wirklich brauchen und was Ihnen wirklich wichtig ist.  Sie werden im Nachhinein sich immer ärgern, wenn Sie sich nicht für das nächstbessere entschieden haben. Darum ist der frühe Gang zum Schneider oder guten Maßkonfektionär kein narzisstischer Irrsinn, sondern wirtschaftlich intelligentes Handeln. Bleiben Sie – wenn Sie so eine Entscheidung fällen – bei Klassikern und experimentieren Sie kaum – und wenn, dann nur mit den kleinsten Details.  Ein guter Schneider wird Sie führen und darauf pochen, klassisch zu bleiben – zum Wohle Ihres Geldbeutels, nicht um Sie zu uniformieren.  Klassiker sind deshalb Klassiker, weil sie sich über Generationen als praktisches, gut durchdachtes formalästhetisches Design durchgesetzt haben.

Entscheidungen zu Lasten von Langlebigkeit

Sätze wie “Ich bin zu arm für billige Kleidung.” oder “Wer billig kauft, kauft zweimal.” oder das japanische Sprichwort  “Die Bitterkeit von schlechter Qualität bleibt lange, nachdem der kleine Preis vergessen wurde.” sind alles keine Binsenweisheiten, sondern tatsächlich wahr.  Was ärgern wir uns noch heute darüber, wie viel Geld wir für Mist ausgegeben haben und auch, dass wir häufig aus Spargründen dumme Entscheidungen getroffen haben. Sie geben gerade viel Geld aus … sparen Sie weder am Stoff, am Schnitt, noch an der Pflege!  Ein guter Schneider – wenn er wirklich einer ist – wird Ihnen sicherlich keinen Super 150er Stoff anbieten, sondern ein robustes Material wie zum Beispiel einen hochverzwirnten Fresco empfehlen.

Zu schmal gekauft

Kaufen Sie nicht zu schmal – auch wenn das in Ihren Augen momentan Trend ist -, sondern passend und bitten Sie um Nahtzugaben. Gute Schneider und hochwertige Konfektion wissen um den praktischen Umstand, dass Körper sich ändern, und dass Kleidung sich dem Körper anpassen muss und nicht der Körper an die Kleidung.  Auch eine körperbetont geschnittene Jacke sollte nicht spannen.  Hosen sollten auch nicht so eng sein, dass die Bundfalte sich rausdrückt.  Schauen Sie sich den Hausstil des Schneiders an oder wie der Schneider sich selbst kleidet, um zu erkennen, ob das Ihr Stil ist – dann kommen Sie um viele Erklärungen herum.

Vanitas – You will not always be slim.

Persönlicher Stil

Jetzt haben wir ja gar nichts zu persönlichem Stil gesagt.  Ja, das stimmt.  Persönlichen Stil kreieren Sie durch Ihren geliebten Vintage-Kauf am besten.  Kaufen Sie schöne Krawatten, Manschettenknöpfe und alte Uhren auf Ebay oder auf dem Flohmarkt.  Dafür unglaublich viel Geld auszugeben, lässt uns dann doch an das Wort “Geldverschwendung” denken.  Ansonsten möchten wir eins noch erwähnen:  Kleidung gibt keine Persönlichkeit; Sie unterstreicht nur.  Bitte meinen Sie nicht, dass Sie durch gute Kleidung ein besserer Mensch werden.  Seien Sie einfach einer … und seien Sie sich sicher, dass man die non-verbalen Mittel, die Ihren Charakter unterstreichen, schneller findet, als man glaubt, wenn man erst einmal weiß, was man kommunizieren möchte.

Zusatzinformationen

Erstens, bevor Sie in einen guten Anzug investieren, investieren Sie lieber in gute Schuhe.  Selbst der beste Anzug kann nur so gut wirken, wie die Schuhe, die an den Füßen des Trägers sind.  Das beste Preisleistungsverhältnis hat in unseren Augen:  Atelier Leonard Kahlcke (handgemachtes MTO, MTM & Bespoke), Carmina (RTW), Eduard Meier (RTW) und Vass (RTW, MTO & Bespoke). Zweitens, Kniestrümpfe kaufen Sie am besten im Bulk im Sale von Pantherella. MM/JHS

Maximilian Mogg

Kreativdirektor & Chefredakteur

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