Wenn ich ein immerzu reisender Anwalt wäre …

“Ich hasse Reisen! … weiß nie, was ich einpacken soll!”, brüllt der adipöse Cyber-Terrorist Henry Gupta im Bond-Film “Der Morgen stirbt nie” kurz vor dem Antritt der Abreise aus Hamburg.  Ich denke, ich bin nicht der einzige, der dieses Statement durchaus nachvollziehen kann.  Reisen ist – gerade wenn geschäftlich – mit nerviger Vorbereitung verbunden … und vergessen hat man meist trotzdem immer irgendetwas.  Das muss aber nicht sein!  In unserer neuen Serie “Wenn ich … wäre” versetzen wir uns in die Rolle einer stereotypen Figur mit sich wiederholenden Problemen – wir kümmern uns dabei um Garderobe und empfehlen für alle anderen Experten – und unterbreiten Lösungsvorschläge.  Wir schlagen à la Boris Becker präzise und mit viel Tempo auf und widmen uns den immerzu reisenden Anwälten.  Vorab möchten wir uns bei den weiblichen Anwälten entschuldigen, dass wir als Herrenschneider uns auf Lösungsvorschläge aus dem Werkzeugkasten der Herrengarderobe fokussieren.

Problematik

Ein strebsamer Anwalt ist in den meisten Fällen sehr beschäftigt und hat deshalb schlicht und ergreifend nicht viel Zeit.  Je nach Spezialisierung kommt hinzu, dass er heutzutage kaum noch um Geschäftsreisen zum Mandanten herumkommt.  Dabei möchte er – so berichtet unsere geschätzte, juristische Klientel – nicht unbedingt mit Sack und Pack, sondern leicht und agil mit Handgepäck reisen … was – glauben wir – sicherlich jeder gut nachvollziehen kann, der schon mal am Flughafen stundenlang am Gepäckband auf seinen Koffer warten oder schweres Gepäck mit kleinen Rollen über Kopfsteinpflaster schieben musste.  Darüber hinaus gehört der Jurist zu einem der letzten Berufsstände – Gott sei’s gelobt, getrommelt und gepfiffen! –, der noch hohen Wert auf den klassischen Auftritt in hochwertiger Herrengarderobe legt.  Dabei möchte er als verlässlicher und professioneller Dienstleister wahrgenommen werden.  Eine kleine, feine persönliche Note im Auftritt ist aber dennoch nicht zu vernachlässigen.

Fassen wir also also kurz die Probleme, die es zu optimieren gilt, strukturiert zusammen:

  1. wenig Zeit, um sich mit der Problemlösung zu beschäftigen
  2. viele Reisen
  3. wenig Gepäck
  4. klassisch konservativer Auftritt
  5. kleine persönliche Note

Was muss also her? Richtig, eine konservative, zurückhaltende, funktionierende, gut strukturierte und schmale Reisegarderobe.  “Herr Mogg, einmal eine eierlegende Wollmilchsau zum Mitnehmen!” – “Kommt sofort, mein Herr!”

Harvey Specter, gespielt von Gabriel Macht, in der Serie “Suits” (2011-2019).

Genereller Lösungsansatz

Wo fangen wir also an?  Wir schauen uns erst einmal um, ob es funktionierende Systemlösungen in anderen Bereichen gibt, die es zu kopieren lohnt.  Meiner Erfahrung nach muss man nämlich nicht Räder neu erfinden.  Hier rekrutiere ich von einem persönlichen Beispiel: Als ehemaliger Leistungssportler in Sachen Fechten war man quasi jedes Wochenende in der Weltgeschichte unterwegs – Turniere, Trainingslager, Kaderlehrgänge etc. – und musste unter der Woche jeden Tag trainieren.  Unser Trainer riet uns deshalb, einen Fechtsack mit Trainingskleidung zu packen und einen weiteren mit Turnierkleidung.  Will heißen, unter der Woche haben wir in den Trainingsklamotten trainiert und jeden Abend nach der Trainingseinheit die Schutzkleidung zum Trocknen aufgehängt und am nächsten Tag zur nächsten Einheit die Trainingstasche wieder schnell  gepackt – keine Angst: T-Shirts, Strümpfe und Unterwäsche wurden jeden Tag gewechselt.  Die Turnierkleidung war immer ein fertig gepackter Koffer mit einer kompletten zweiten Garnitur, die nach dem Turnier gewaschen wurde und wieder fertig gepackt in die Tasche gelegt wurde.  Das entspannte ungemein, weil man zum einen wusste, dass man sich um das Packen keine Sorgen machen musste und nichts vergessen konnte, und man sich so zum anderen komplett auf das Training fokussieren konnte.  Dieses Lösungsmodell ist mit ein bisschen Phantasie eins zu eins auf den oben genannten Fall anwendbar.

Spezifische Lösungen

So, das Grundkonzept ist erklärt und – denke ich – einleuchtend, weil einfach.  Alle guten Lösungen sind einfach!  Kümmern wir uns um die konkreten Probleme.

Wenig Zeit, um sich mit der Problemlösung zu beschäftigen

Die Lösung hier für ist: Lassen Sie andere Profis das Denken für Sie übernehmen!  Gehen Sie zu einem guten Schneider und Schuhmacher und schildern Sie Ihren Lebensstil und Ihre damit einhergehenden Probleme.  Der Profi wird Ihnen – wenn er wirklich einer ist – sofort mehrere sinnvolle Lösungsvorschläge anbieten.  Das ist unter anderem einer der Gründe – ganz abgesehen vom besseren Schnitt, Qualität et cetera perge perge -, warum er teurer ist als die unpersönliche Kaufhauskonkurrenz: er überzeugt durch persönlichen Service und Kompetenz. Wenn Sie einen guten Schnitt und einen guten Leisten haben, ist Ihr Kleidungsproblem für den Rest Ihrer Tage gelöst.  Kurzum, sie/er löst Ihre Probleme – genauso wie Sie für uns, wenn wir in rechtlichen Notstand geraten sind.

Kevin Lomax, gespielt von Keanu Reeves, in “Im Auftrag des Teufels” (1997).

Viele Reisen

Sie unterteilen Ihre Garderobe bitte in Büro und Reisen.  Die Bürogarderobe wird täglich gewechselt – Profis haben einen Anzug, ein Hemd und ein paar Schuhe für jeden Tag im Büro.  Die goldene Regel der sieben gilt und wird erklärt in unserem Artikel – Link hinterlegt.  Die Kleidung hat so jeweils eine Woche, um zu ruhen und hält damit exponentiell länger.  Das ganze kann dann noch für Herbst/Winter und Frühling/Sommer verfeinert werden – dazu empfehlen wir unseren Artikel von Bob, dem (Garderoben-)Baumeister – Link ebenfalls hinterlegt.  Das ist nach obigem Beispiel Ihre Trainingsgarderobe.  Die Reisegarderobe ist währenddessen schmal und hängt stets fertig gepackt an einer Stelle in Ihrem Kleiderschrank.  Wenn’s dann kurzfristig irgendwo wieder hingeht, müssen Sie sich keinen Stress machen – der Koffer ist schon definiert und gepackt.

Wenig Gepäck

Da Sie mit wenig Gepäck fliegen wollen und die Trips für gewöhnlich nicht länger als ein bis zwei Tage dauern, brauchen Sie auch nicht viel außer qualitativ gutem und langlebigem Material.  Die Textilindustrie kennt dieses Problem und hat schon seit Jahrzehnten eine Lösung dafür parat.  Leider hat man es noch nie verstanden, dass es nichts hilft, wenn davon nur die Profis wissen.  Für Anzüge benötigen Sie eine hochverzwirnte, offen gewebte, schwere Webung – das sogenannte Fresco.  Das Material ist komplett knitterfrei, atmet und fällt auch noch nach sechs oder mehr Stunden Flug oder Zug- oder Autofahrt perfekt.  Wir bieten es in den verschiedensten Tönen und Nuancen sowohl von Standeven,  Holland & Sherry und Harrisons an.  Eine zweite Hose für den zweiten Tag ist hier eine exzellente Idee.  Bei Maßhemden fragen Sie bitte nach bügelarm – auch das gibt es heutzutage und auch ganz ohne Chemie.  Ja, zu einem langen, navy oder kamelfarbenen, doppelreihigen Mantel aus schwerer Wolle oder Kamelhaar!  Den Maßschuhmacher fragen Sie nach einem festen und formstabilen Leder, und – unserer Meinung nach – spricht rein gar nichts gegen eine dünne Gummisohle über der handvernähten Ledersohle.  Glauben Sie mir! … Flughafenböden scheinen stets gebohnert  zu sein, und wenn die Sicherheitskontrolle mal wieder wichtige Zeit gefressen hat und Sie sich entschließen, vom Trab in den Galopp zu wechseln, werden Sie sich spätestens beim Fallen wünschen, nicht auf puristische Ledersohlen gesetzt zu haben.  Sie tragen bei einer Zwei-Tages-Reise also einen Anzug aus Fresco, tragen ein bügelarmes Hemd und tragen ein paar gute Schuhe – und gegebenenfalls je nach Saison einen guten Mantel.  In Ihrem Koffer befindet sich ein weiteres Paar Schuhe, ein weiteres bügelarmes Hemd und nur noch eine zweite Hose.  Bei längeren Reisen fügen Sie nur noch einen weiteren Anzug aus oben genanntem Material hinzu und pro Reisetag ein Hemd.  Die Rechnung für Unterwäsche, Strümpfe und Necessaire überlasse ich jetzt Ihrem gesunden Menschenverstand.

Klassisch konservativer Auftritt

Nachdem wir die Materialwahl schon stark eingeschränkt haben, gehen wir jetzt ans Eingemachte und werden noch konkreter.  Wir empfehlen einen dunkelgrauen und einen navy Anzug aus Fresco mit jeweils einer Extrahose Ihr Eigen zu nennen.  Denkbar wären ebenfalls Fresco-Varianten mit Nadelstreifen. Stilisierungsvorschläge finden Sie in unserer Serie “Die Anzüge des Monats” zu Hauf – Link hinterlegt.  Aller Wahrscheinlichkeit nach wird es aber auf einen doppelreihigen Anzug mit steigendem Revers oder einen einreihigen Schnitt mit fallendem Revers hinauslaufen.  Die nach unserem Hausstil eher weiteren Hosen würden hervorragend zum Auftritt passen, wenn  bestellt ohne Gürtelschlaufen mit Seitenverstellern mit zwei Bundfalten und einem Umschlag, oder aber ohne Bundfalten mit einem schräg angeschnittenen Hosenabschluss – s. a. military cuff (Link hinterlegt).  Dazu passen gut zwei weiße oder eierschalfarbene und zwei hellblaue Hemden aus oben genanntem Material mit einem zu Ihrem Gesicht und Ihrer Physiognomie passenden Kragen entweder mit Doppelmanschette oder à la James Bond mit Cocktailcuff – zweiteres ist unserer Meinung nach eine exzellente, weil wiederum praktische Wahl: Sie können die Manschettenknöpfe nicht vergessen.  Wir weisen nochmals an dieser Stelle darauf hin, dass wir individuelle Anzüge, Hemden und Mäntel fertigen und nicht auf unseren Hausstil pochen.  Er dient als von uns wohl durchdachter Anker und Orientierung.  In Sachen Schuhen fragen Sie Ihren Maßschuhmacher nach einem schwarzen Paar Cap-Toe-Oxfords und einem Paar schwarzen Quarter-Brogue-Oxfords – wir empfehlen unseren regelmäßigen Gast und Freund des Hauses, den Frankfurter Herrn Leonard Kahlcke, der uns nächstes Wochenende von Freitag, dem 08.02.2019,  bis Sonntag, dem 10.02.2019, in unserem Laden in der Bleibtreustraße 27 besucht; Termine können via hinterlegten Link gemacht werden.

Mitch McDeere, gespielt von Tom Cruise, in “Die Firma” (1993).

Kleine persönliche Note

Ein Anwalt ist stets ein Verkäufer seiner selbst.  Das Wort “Selbstdarstellung” ist im Deutschen negativ konnotiert, weil man damit instinktiv etwas Geckenhaftes und Inszeniertes verbindet.  Darum geht es aber nicht.  Sie gehen kurz in sich selbst und fragen sich, wer bin ich und wie möchte ich das kommunizieren.   Nur ein authentischer und selbstbewusster Auftritt erzeugt Vertrauen bei Ihrem Mandanten und nicht ein “Entschuldigen Sie, dass ich hier bin!”. Ich persönlich plädiere für das Spiel mit Krawattenfarbe zum klassischen Anzug und würde ansonsten das zu starke Spiel mit Mustern und Farben den Profis überlassen.  Wenn gekonnt, kann letzteres phänomenal wirken – Betonung liegt auf “Wenn gekonnt”. Auch kann nach meinem Dafürhalten über einen dezenten, persönlichen Duft nachgedacht werden.  Dafür empfehle ich meine Nachbarin und Parfümeurin, Frau Marie LeFebvre von Urban Scents in der Bleibtreustraße 32.

Wenn Sie über Ihre kleine persönliche Note nachdenken, erinnern Sie sich aber einfach an folgendes:  Kleidung ist Teil der non-verbalen Kommunikation und damit eine Sprache.  Eine Sprache beherrscht man nur dann richtig gut, wenn man sie auf allen Ebenen sprechen kann und man verstanden wird.  Konservativität und Einfachheit ist in der Kleidung nichts anderes als der kleinste gemeinsame Nenner in Sachen Sprachverständnis.

Die einzige Lösung?

Ob das die einzige Lösung für das Problem ist?  Sicherlich nicht.  Es ist aber eine, die hundertprozentig funktioniert, und ist es nicht das, was Sie wollen? Und warum sollten Sie die Investition tätigen?  Sie investieren in den Luxus unserer Zeit: (Frei-)Zeit.

Zusatzinformationen

Ein guter Maßschuhmacher wird Ihre Schuhe mit Maßschuhspannern aus Holz – meist Zeder – ausliefern. Diese sind schwer und nur etwas für zu Hause.  Halten Sie Ausschau nach Reiseschuhspannern aus Plastik: Die halten die Form der Schuhe perfekt und sind leicht! MM/JHS

Maximilian Mogg

Kreativdirektor & Chefredakteur

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