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7. März 2021

Well Played – Vladimir Horowitz

by

Lianyi Zhang

Es war in den späten 20er Jahren in Paris, als Arthur Rubinstein – dessen Name den lieben Lesern, die unseren ersten Artikel dieser Serie gelesen haben, bekannt sein dürfte – zum ersten Mal das Konzert eines jungen Pianisten aus Kiew besuchte und nicht nur von der „schieren Brillanz und Technik“ des Interpreten, sondern auch von „einer einfachen Eleganz – dem magischen Etwas, das sich jeder Beschreibung entzieht“, überwältigt war. Der junge Mann auf der Bühne war Vladimir Horowitz. Unter den Klaviermaestros des zwanzigsten Jahrhunderts ist Horowitz der weltweit am meisten gefeierte.

Horowitz der Pianist

Geboren 1903 und studiert in Kiew, begann der junge Volodya in den 20er Jahren seine Konzertkarriere in Europa. Der ehrgeizige Pianist richtete seinen Blick bald auf die andere Seite des Atlantiks und zog noch vor Ausbruch des 2. Weltkriegs nach New York. Mit seiner unübertrefflichen Technik und seiner Vorliebe für russisches Repertoire gelang es Horowitz, das Publikum in den Staaten im Sturm zu erobern. Zwei seiner meistgespielten Stücke in dieser Zeit sind das erste Klavierkonzert von Tschaikowsky – seine sonore und wilde Version der berühmten Oktaven am Ende dieses Konzerts ist unersetzlich – , und das dritte Konzert von Rachmaninow, den Horowitz als seinen geschätzten Mentor und Freund betrachtete. Nach einem zehnjährigen Rückzug von der Bühne in den 50er Jahren, kehrte Horowitz 1965 in die Carnegie Hall zurück. Die Karten waren innerhalb von zwei Stunden ausverkauft. Trotz der falschen Noten war das Konzert ein Triumph. Und so setzte sich die Legende von Horowitz fort. Unter anderem wegen des altersbedingten Nachlassens der eigenen Spieltechnik, wandte sich Horowitz in seinen späteren Jahren etwas kürzeren Stücken zu. Sonaten von Scarlatti und Clementi, Etüden von Skrjabin oder kleine Stücke von Schumann sind häufig in seinen späteren Aufnahmen und Konzerten zu hören. Im Jahr 1986 kehrte der 83-jährige Maestro nach 60 Jahren wieder nach Russland zurück und spielte ein legendäres Konzert in Moskau. Als gegen Ende dieses Abends Schumanns Träumerei als Zugabe im Saal des Moskauer Konservatoriums erklang, erweichte es allen das Herz und viele waren zu Tränen gerührt.

Es ist schwer, den Pianisten Horowitz in einem Wort zu charakterisieren. In einer Dokumentation seiner späteren Jahre, wird der Pianist als „der letzte Romantiker“ betitelt, in einem anderen Album als „der Poet“. Für mich hingegen würde die Bezeichnung „Zauberer“ passen. Das bezieht sich nicht nur auf Herrn Rubinsteins Errungenschaften, sondern auch auf seine unübertreffliche Technik, von der jeder Klavierspieler nur träumen kann. Horowitz kann mit seinem geliebten Steinway jede gewünschte Art von Klang erzeugen. Mit dieser Kunstfertigkeit hält sich der Zauberer nie in den Partituren der Komponisten zurück, sondern bringt immer wieder neue Interpretationen hervor. Deshalb ist seine Darbietung immer unvorhersehbar und voller Überraschungen. Auf einen ungestümen Schlag im Bass kann ein Akkord antworten, der so sanft ist, wie man es sich nur vorstellen kann; zwischen einer Gruppe von kristallklaren kurzen Tönen kann man einige Legatotöne mit einer reichen, samtartigen Textur erhaschen.

Horowitz die Person

Horowitz gehört zu denen, die man gerne als „ehrwürdige Künstler der älteren Generation“ bezeichnet. Manieren und Etikette sind für ihn von großer Bedeutung. Niemals empfängt er einen Besucher, ohne dass dieser eine Krawatte trägt. Genauso rigoros ist er bei seinem eigenen Erscheinungsbild. Man sieht ihn nie ohne eine akkurate Frisur und ein glattes Gesicht. Wie die meisten gut gekleideten Gentlemen seiner Zeit, kauft Horowitz gerne maßgeschneiderte Garderobe und Düfte aus London. Einer seiner Lieblingsdüfte ist Stepanotis von Floris. 

Der anspruchsvolle Kleidungsstil von Vladimir Horowitz ist so einzigartig wie sein musikalischer Stil. Das bekannteste Accessoire von Horowitz ist zweifellos die Schleife. Er ist ein berühmter Schleifträger und hat eine Sammlung von mehr als 800 Bindern. Die Farbe der jeweiligen Schleife bestimmt oft den Ton des gesamten Looks. Ein gestrickter Pullunder – ebenfalls oft an ihm zu sehen – passt beispielsweise immer zur Schleife. So wenig sich Horowitz bei den Noten zurückhält, so wenig lässt er sich auf der Bühne von der Vorgabe ‚white tie‘ einschränken. „Die Uniformen“, womit Horowitz seine Bühnenkleidung meint, sind eher konservativ, aber die Schleifen, die er trägt, sind immer bunt. Es gab allerdings einmal eine interessante Ausnahme: Als er in London für die königliche Hoheit, den Prince of Wales, spielte, entschied sich Horowitz für die korrekte Garderobe: einen Morgenanzug – allerdings mit einer grauen Schleife um den Hals statt einer normalen Krawatte. Er ist schließlich der große Horowitz, von dem wir hier sprechen.

LZ/PS