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29. August 2021

Well Played – Claudio Arrau

by

Yves Yannick Stork

Leser, die mit klassischer Musik nicht so vertraut sind, wird der Name Claudio Arrau vielleicht nichts sagen. Doch er ist einer der größten Klaviertitanen des letzten Jahrhunderts – zumindest, wenn es nach meiner Meinung geht. Er wurde 1903 in Chile geboren, wo er seine frühe Kindheit verbrachte. Schnell wurde klar, dass er ein Wunderkind ist. Arrau war dazu bestimmt, Pianist zu werden.

Mit acht Jahren zog er nach Berlin – eines des globalen Zentren für (klassische) Musik vor dem Ersten Weltkrieg. Unterrichtet wurde er dort von Martin Krause, einem der letzten Schüler von Franz Liszt. Wie viele andere Künstler auch zog Arrau 1940 in die USA und verbrachte dort den größten Teil seines Lebens.

Von Krause erbte Arrau den Stil und die Tradition der Romantiker des neunzehnten Jahrhunderts. Es überrascht nicht, dass er sich auf klassische und romantische Werke spezialisierte. Seine unglaubliche Kraft und die raffinierte Technik blieben bis ins hohe Alter. Zwischen 1974 und 1976, als er Mitte 70 war, spielte er die zwölf Études d’exécution transcendante von Franz Liszt ein, eines der anspruchsvollsten Klavierstücke überhaupt – glauben Sie mir.

In seiner Virtuosität unterscheidet er sich jedoch zum Beispiel von Vladimir Horowitz. Arrau spielte selten übermäßig schnell oder in überzeichnender Weise. Stattdessen waren für ihn die Einheit des Tempos und die Struktur eines Stücks von größter Bedeutung. Das Ergebnis sind Interpretationen, die Stabilität und Tiefe ausstrahlen, was nur durch perfekte Beherrschung der Partituren erreicht werden kann.

Doch es handelt sich hier immer noch um einen Blog über Schneiderei und Anzüge, und Arraus exquisiter Geschmack spiegelt sich auch in seinem bemerkenswerten Sinn für Kleidung wider. Er stand zwar nicht so sehr im Rampenlicht wie einige seiner zeitgenössischen Pianistenstars (denken Sie etwa an Horowitz oder Karajan), aber er war ebenso gut gekleidet. Wenden wir uns nun einigen Schlüsselelementen seiner Looks zu.

Obwohl er sein ganzes Leben lang gut gekleidet war, fasziniert mich vor allem der Stil seiner späteren Jahre. Es handelt sich dabei um ein subtiles Spiegelbild der Trends der 1960er und 1970er Jahre. Es mag schwer sein, sich Arrau in einem Hardy-Amies- oder Tommy-Nutter-Look vorzustellen, aber er schaffte es stets, Trend und persönliches Temperament zu vereinen.

Auf einigen Fotos, die vermutlich in den 1960ern aufgenommen wurden, trägt Arrau ein gut geschnittenes dreiknöpfiges Sakko mit schmalem Revers und dazu eine dünne einfarbige Krawatte. Als in den 70er Jahren die Schnitte geräumiger und die Revers breiter wurden, änderte sich sein Stil entsprechend. Der Maestro schien in seinen späteren Jahren das Spiel mit den Mustern und Farben sehr zu genießen. Um den breiten Revers gerecht zu werden, wählte Arrau in der Regel schwere Seidenkrawatten mit überdimensionalen Knoten – ich muss dabei immer an HRH Prince Michael of Kent denken. Arrau mochte auch Hemden mit auffälligen Mustern wie Querstreifen, Polka-Dots oder sogar geometrischen Mustern.

Dennoch wusste er, es nicht zu weit zu treiben. Auch hier – wie in seinem musikalischen Ausdruck – war Ausgewogenheit der Schlüssel. Einheitlichkeit und Struktur wurden nie für überflüssige Verzierungen geopfert. Im Gegensatz zu den auffälligen Hemden hielt er Krawatten und Jacken in schlichten Unifarben. Doch bekanntermaßen bestätigen Ausnahmen ja die Regel: Das Originalbild zur oben abgebildeten Zeichnung zeigt ihn in einem Hemd mit dunkelblauen Blumen, das perfekt mit einer marineblauen Seidenkrawatte harmoniert, die wiederum einen schönen Kontrast zum dunkelgrünen Donegal-Tweed der Jacke bildet. Kühn, aber keineswegs aus dem Gleichgewicht geraten – ganz wie Arraus außergewöhnlich virtuose Leistungen. Well played, Herr Arrau. YS/LZ