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1. Dezember 2015

Weit oder eng?

by

Maximilian Mogg

Die Passform einer klassischen Anzughose ist ein leidiges Thema. Momentan sehen wir quasi nur schmale, kurz geschnittene Hosen auf den Straßen. Nun stellt sich die Frage, ob die schmale Hosenweite nur eine Trenderscheinung ist oder ob sie eine Daseinsberechtigung im langfristig angelegten Kleiderschrank hat.

Die Schnittform der Hose ist in Bezug auf das perfekt sitzende Jackett und die Schuhe zu optimieren und als optische Brücke zwischen diesen beiden Teilen zu betrachten. Wie verbinde ich also das Jackett harmonisch mit meinen Schuhen?

Hosenweite

Wie fast immer lohnt ein Blick in die Schnitthistorie der wichtigsten Schneiderländer: namentlich Italien, England und die Vereinigten Staaten. Italienische Anzüge bestechen traditionell durch eine stark gepolsterte Schulter, um dem männlichen Körperideal des V-Kreuzes nahezukommen. Dementsprechend ist die Hose verhältnismäßig schmal, um das V der Jacke fortzuführen. Englische Schneider hingegen polstern die Schulter zwar auch auf, versuchen aber kein unnatürliches V zu erzeugen. Der Engländer möchte nämlich vornehmlich korrekt gekleidet sein und durch Understatement überzeugen, und nicht wie der Italiener den Körper möglichst gut in Szene setzen. Die Hose ist deshalb weiter und wirkt für das ungeübte Auge teilweise langweilig und spießig. Der Amerikaner unterstreicht seine Coolness durch einen kaum formbetonten, nochmals weiteren Schnitt. Der Anzug soll die natürliche Form des Körpers widerspiegeln, die Schulter ist kaum gepolstert. Entscheiden Sie, welcher Schneiderlinie Ihr Sakko am ehesten entspricht und passen sie die Weite Ihrer Hose entsprechend an. Hosen bieten den Vorteil, dass sie verhältnismäßig leicht und kostengünstig zu ändern, insbesondere zu verengen und zu kürzen, sind. Für Verlängerungen oder Weitungen gilt dies nur, solange genügend Reststoff vorhanden ist.

Hosenlänge

Eine generelle Regel besagt, dass die Hose eine Verlängerung des Rückens bilden und ab dem Gesäß gerade bis zum Schuh fallen soll. Die Hose hat demnach die richtige Länge, wenn sie den Schuh hinten tangiert und im geraden Stand keine Knicke in der hinteren Bügelfalte erkennbar sind. Eine schmale Hose fällt früher auf den Schuh als ein weites Modell. Die Regel, dass eine Hose an der vorderen Bügelfalte einen Knick werfen muss, ist folglich nicht richtig. Bei einer schmal geschnittenen italienischen Hose kann es beispielsweise vorkommen, dass die Hose gar keine Falte wirft und trotzdem hinten den Schuh berührt.

Mit den verschiedenen Weiten gehen somit verschiedene korrekte Längen einher. Zudem verdecken verschiedene Weiten mehr oder weniger vom Schuh. Die italienische Weite zeigt den gesamten Schuh, die englische meist 2/3 und die klassisch amerikanische etwa den halben. Wer seine Schuhe gerne zeigt, sollte beim Anzugkauf nach Italien blicken. Soll der Fokus eher auf dem Torso liegen und die Schuhe kaum Aufmerksamkeit auf sich ziehen, empfehle ich eher den britischen und amerikanischen Schnitt.

Meine Meinung

Ich bin der Meinung, die Weite der Hose sollte sich im Rahmen der traditionellen Konventionen bewegen, von denen zum persönlichen Vorteil leicht abgewichen werden darf. Wenn Sie nicht die Beine für einen italienischen Schnitt haben bzw. sich darin nicht wohl fühlen, tragen Sie die Hose ruhig ein wenig weiter. Wenn Ihnen der konsequent amerikanische Schnitt zu weit ist, lassen Sie die Hose etwas verengen.

Wir stellen fest: Die schmale Hose ist zwar momentan in Mode, aber kein reiner Trend. Sie ist fester Bestandteil der traditionellen italienischen Schneiderkunst. Leider werden die eigenen körperlichen Grenzen von vielen Trägern nicht erkannt, wodurch es zu modischen Fehltritten kommt, obwohl es im Hosenuniversum passendere, zeitlose Lösungen aus anderen Ländern gebe.

Zusatzinformationen

Ob eine Hose amerikanisch, britisch oder italienisch geschnitten ist, lässt sich heutzutage meist nicht mehr an dem Mutterland des Modeunternehmens festmachen. Viele unterliegen den internationalen Modetrends, anstatt ihre landeseigenen Traditionen weiterzuführen. Klassische Vertreter der Schnitte ihrer Herkunftsländer sind Unternehmen wie Brooks Brothers aus den USA, Gieves & Hawkes aus Großbritannien und Brioni aus Italien.

Der italienische Schnitt ist teilweise sehr unterschiedlich. Allein bei der Schulter gibt es drei bekannte Stilrichtungen: römische (Stichwort: Brioni), neapolitanische (ähnlich dem amerikanischen Stil) oder die Pagoda Schulter (konkave Schulterform erfunden von Caraceni in 1946). Der Einfachheit halber bin ich auf die Eigenheiten der einzelnen Schneider nicht weiter eingegangen.

Die Frage, ob man Umschläge am Saum trägt, ist eine Glaubensfrage. Fakt ist: An förmlichen Hosen wie der des Smokings haben sie nichts verloren. Andererseits sind sie ein Zeichen an die Außenwelt, dass man sich mit diesem Detail auseinandergesetzt hat. Ich werde mich diesem speziellen Thema in einem der nächsten Artikel zuwenden. MM