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29. November 2020

Via Staffelläufer an Mr Lush, City of Westminster

by

Ozelot

Salvete honesta proponas,

am gestrigen Abend war ich bei Chevalier de la Brousse zum Diner geladen – hier der ein oder andere Splitter der Erinnerung.

Mich führte ein Lakai in den Salon – wie im Garten von Voltaire eine Maus, nur hatte diese keine graue Livree, sondern war in einer schwarzen mit silbernen Knöpfen gekleidet. Zu meiner Überraschung war ich ganz allein im Salon und konnte mich daher in Ruhe umschauen.

Fünf große Fenster bis zum Boden erlaubten einen Blick in den Garten, der durch eine Kirschbaumallee begrenzt ist. Das letzte Licht der untergehenden Sonne illuminierte den Salon in leichtem Rosa und goldenen Sprenkeln. Ein quadratischer Raum, der mit einem Parkett ausgelegt ist, welches wiederum mit Einlegearbeiten verziert ist. Darauf ein zarter Teppich, in dem das türkische Rot vorherrscht. Ansonsten war alles im Blau der Könige Frankreichs gehalten: die Wände, die Portieren und die Möbelstoffe. Gegenüber der Fenster befand sich eine Flügeltür. Links und rechts daneben waren Nischen in die Wand eingelassen, in denen je eine Büste aus luminösem Alabaster stand. Die eine stellte – welche Überraschung – mit einem leichten Grinsen und im hohen Alter den Patriarchen von Ferney da: Voltaire. Die andere blieb mir zunächst unbekannt. Diese Porträtstudie zeigte einen Herrn mit zartem Lächeln und melancholischen Augen. Vor der Tür und inmitten des Raums eine zierliche Sitzgruppe aus vier Bergères und einem Canapé sowie einigen Beistelltischchen aus Nussbaum. An den Wänden: Bilder von Seerosen und strahlenden Heuschobern.

Kurzum: Ein Raum, der einen herzlich willkommen heißt und gern seine glänzenden Möglichkeiten präsentiert. Nun trat der Hausherr in Begleitung einer zarten Dame ein, die mir als Madame de la Brousse vorgestellt wurde. Es wurde Platz angeboten, und die vierbeinigen Lakaien brachten Erfrischungen. Das Vergnügen einer französischen Konversation umfing alle Beteiligten, und ein Feuerwerk des Witzes und der Sinnlichkeit entschlüpfte dem wohlgeformten Mund der Madame.

Nach einer kurzen Stunde wurde die Flügeltür geöffnet und ein weiterer Lakai – in weißer Livree mit Goldknöpfen gekleidet – informierte, dass das Essen nun serviert sei.

Im Speisesaal gab ein Kaminfeuer ein leichtes Knistern von sich. Ein ovaler Tisch war gedeckt. Während ich die Serviette entfaltete, überblickte ich die Dekoration. Die Raumfarbe war ein zartes Lichtgelb und die Wände waren mit Goldleisten eingefasst. Über dem Tisch ein Deckenbild – Gastmahl der Götter. Das begriff ich alles als gutes Omen für die Küche des Hauses. Meine Hoffnung wurde nicht betrogen und die Stimmung immer gelöster. Ich erkundigte mich nach der zweiten Büste, die im Salon zu sehen war. Der Chevalier meinte nur, da müsse ich mich an seine holde Gattin halten. Sie gab mir ein Rätsel als Antwort: „Nun – er war ein Beschnittener, der versuchte, mit dem Taufschein ein billet d’entrée für die Gesellschaft zu erhalten. Dumm nur für ihn, dass dieses Ticket keine Gültigkeit hatte.“ 

Auch erwähnte sie, dass der Herr in einer teutonischen Stadt geboren sei. Ich sollte aber nicht verwundert sein, dass ein solcher Mann im Hause der de la Brousse zu sehen sei. Denn dieser gewisse Herr Heine besaß dieselbe Geisteskraft und Schärfe wie der frühere Hausherr Voltaire. Dabei machte der Chevalier einige Grimassen und meinte am Rande, ich solle seiner Frau verzeihen, da sie selbst am Limes geboren wurde. Aus ihrer Heimat hätte sie einige barbarische Sitten mit nach Ferney gebracht. „Aber es stimmt. Dieser Heine besaß eine göttliche Bosheit, ohne die ich mir das Vollkommene nicht zu denken vermag. Ganz reizende Gedanken, die er formuliert hat. Alles Deutsche wirkt auf ihn wie ein Brechpulver. Aber dennoch liebte er die Eingebornen über Gebühr“. Nun fragte ich Madame nach einer Leseempfehlung, um sich den Teutonen anzunähern. „Ach, mein Lieber – nichts ist einfacher als das. Nur eine Frau kann Ihnen dieses Volk erklären. Lesen Sie von Germaine de Staël De l’Allemagne und bereisen Sie das Land.

Lieber Lush, was soll ich Ihnen sagen? Welch erfreuliche Überraschung, doch noch eine kleine Reise in das Land der Wälder und Sümpfe zu wagen. Der Abend verging zu schnell, um all die Freundlichkeiten von Monsieur und Madame aufzuzählen. Aber wie geht es Ihnen in Londinium?

Hier nun zwei kleine Kostproben von diesem Herrn Heine: „Es sind wahrlich mehrere Flaschen Poesie dazu nötig, wenn man in Berlin etwas anderes sehen will als tote Häuser und Berliner.“ Und zum Schluss das: „Leb wohl auch du, deutsche Heimat, Land der Rätsel und der Schmerzen; werde hell und glücklich.“

Dico vale amici mei 
Ozelot