Via Dosentelefon an Mr Lush, City of Westminster

by

Ozelot

Treuer Freund,

Nun, eins ist mir hier rasch deutlich geworden; diese Teutonen sind vernarrte Tierliebhaber. Immer wenn ich promeniere, höre ich Sie zischeln: “Was für ein schöner Leopard!”. Ich, ein Leopard, was für eine Freundlichkeit. Oder wie kann er ohne sein Herrchen und ohne Leine auf der Straße sein? Andere sind immer bereit, mir hinter den Ohren zu kraulen und dabei zu sagen, was für ein braver Kerl ich doch sei. Die kleinen Monster ziehen am Schwanz, als sei ich ein Spielzeug der Marke Steiff. Die Mütter sagen zwar immer zu diesen Monstern „Aber nein, du tust dem Kater weh.“, aber gibt es dafür eins auf den Hinterkopf? Weit gefehlt. Bei älteren Exemplaren habe ich die Vermutung, dass diese Dämchen in mir ihren nächsten Wintermantel oder Pelzkragen sehen. Ihr süßliches Lächeln verrät sie. Jüngere Exemplare der Teutonen wollen in mir ein schützenswertes Beispiel einer verfolgten und vor dem Aussterben bedrohten Tiergattung sehen. Immer das Ficktelefon (schwedisch für Mobiltelefon) gezogen und schnell ein Bild gemacht. Das Ganze wird wie in einer süßlichen Babysprache mir näher gebracht, als sei ich Demenz oder dem Schwachsinn verfallen. Ich hingegen habe den Eindruck, dass diese Personen in eine infantile Phase zurückgefallen sind.

Erstaunlich ist, bei all dieser Interaktion fällt kein englisches Wort – eher sind es Ausdrücke des hiesigen Dialekts. Sicher rührt dieser Umstand daher, dass sich die Menschen nicht verstellen, sondern ihre “gemütliche” Seite zeigen. Das ist wiederum recht superb.

Ach, bevor ich es vergesse, der Herr von der Rezeption hielt Wort. Er meinte, dass er tatsächlich einen Herrn kenne, der gerne einem Leoparden das Deutsche näherbringen würde. Bitte was haben die Teutonen denn bloß mit den Leoparden? Ein Herr Dr. Lackschuß würde mich am Nachmittag um 15.00 Uhr in seiner Wohnung in der Zasiusstraße 7 empfangen.
Zur angebenen Uhrzeit stand ich vor einem Haus, das neben dem Erdgeschoss nur noch eine weitere Etage hat. Am Klingelbrett war nur ein weiterer Name neben dem des Doktors zu lesen. Ich läutete einige, zu lange Sekunden – Stille -; dann ein Summen und ich trat ins Treppenhaus.  Eine Stimme rief, ich möge die Treppe nutzen und ich erklomm eine sehr enge Treppe ins Obergeschoss. Dort stand nun mein Lehrer. Eine schlanke Gestalt um 1,90m groß, mit eisgrauem wallendem Haupthaar, leicht gehobenen Kinn und zänkischen Lächeln. Gekleidet, in grauer Flanellhose und gleichfarbiger Jacke. Am schönsten war der kunstvoll geschlungene weiße Schal um den Hals. Ein fester Händedruck und eine kleine Geste, dass ich eintreten möge; was ich tat und hinter mir fiel die Tür mit einem lauten Aplomb ins Schloss.
Der Gastgeber führte mich in das Arbeitszimmer. Kein Wort wurde gewechselt, nur durch Gesten wurde mir mein Platz angewiesen. Schweigen, so vergingen die ersten Sekunden. Leicht quälend. Dann erklang dieser vermaledeite Satz. “Also Sie sind der Leopard, der die Sprache von Kant und Schopenhauer erlernen will.” Himmel, wieder dieses Tier. Meine Replik viel dann schon recht deutlich aus. “Nun Herr Doktor, zunächst bin ich kein Leopard, so wenig wie Sie ein Orang-Utan sind, und nicht die Sprache eines Kant oder Schopenhauers führt mich zu Ihnen, sondern die eines Herrn Heines. Wenn ich schon wählen darf.” Wieder Schweigen und Kratzen hinter dem Ohr. Dann sagte doch der Lehrer: “Wollen wir anfangen.” und gab mir ein Bändchen. Die Stunde begann und ich erlernte ein neues Wort “Großmaul” – hübsch, nicht wahr?
Ich bin mir sicher Herr Doktor und ich werden noch richtig gute Freunde. Ach ganz nebenbei, im Studierzimmer roch es leicht nach Weihrauch. Nun muß ich mich sputen, denn eine kleine Verabredung wartet. Dennoch möchte ich nicht verabsäumen, Ihnen, lieber Freund, folgende Empfehlung zuzurufen. Von Stefan Zweig „Balzac“ eine Biographie, ein Text, der einen Menschen beschreibt, der durch Worte und Kaffee vollständig trunken ist.

Ihnen wünsche ich spannende Tage und ich höre, die ersten Bände unserer Abenteuer in London sind erschienen und Sie könnten sich vor Autogrammwünsche nicht retten. Darunter wird sich doch die ein oder andere liebliche englische Rose finden lassen.

Ihr Ozelot