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17. Januar 2021

Style Icons – Mr Bryan Ferry

by

Maximilian Mogg

Während ich diesen Text schreibe, genießen meine Ohren eines meiner absoluten Lieblingslieder von einem meiner absoluten Lieblingskünstler: Mr Bryan Ferry. Avalon heißt der Song – damals war Ferry noch Sänger der Band Roxy Music. Wenn ich alles niederschreiben würde, wofür ich Ferry bewundere, wäre das ungefähr so als müsste man Buddenbrooks auf die Länge der Schachnovelle trimmen. Deshalb konzentriere ich mich auf seinen Kleidungsstil, der – wie kein anderer vor oder nach ihm – britischen Charme mit schamloser Coolness vereinbart.  

Nachdem ich mich letztens an der Dokumentation Don’t Stop the Music auf Arte über den britischen Musiker begeistern durfte, konnte ich – wie so häufig – nicht anders, als mich am Kleidungsstil des ehemaligen Kunststudenten festzubeißen. Was macht ihn aus? Warum sticht er ins Auge, ohne dabei wehzutun? Können wir uns alle kleiden wie Bryan Ferry?  Diese und andere Fragen schießen einem wie mir durch den Kopf, wenn Ferry in einer engen schwarzen Lederhose und weitem weißen Hemd auf der Bühne lässig an einer Zigarette zieht. Oder wenn er in einem grauen, englisch geschnittenen Doppelreiher – vermutlich aus Tropical Wool – keck an einem Kamin lehnt und ihm dabei die Haare ins Gesicht fallen.  

Schlussendlich fällt einem jedoch schnell auf, dass das Rezept gar nicht nicht so atemberaubend oder kompliziert ist: Ferry ist Meister darin, EINEN Stilbruch zu begehen – und hiermit meine ich einen einzigen, gekonnten Stilbruch pro Outfit. Sein Kleidungsstil brilliert durch das absolute, formelle Verständnis für das, was er trägt. Dabei kontert er den Look, der entweder zur einen oder anderen Seite neigt – von sehr lässig bis hoch formell –, durch eine scheinbare Kleinigkeit: eine überstrenge Frisur, ein Denim-Hemd zum weißen Flanellanzug oder aber einfach nur durch die Hände in den Hosentaschen. Er signalisiert, dass er weiß, wie man sich den Normen entsprechend zu kleiden hat, möchte aber in keiner Weise irgendeinem Phäno- oder Stereotypen entsprechen. Er gibt allem einen gewissen Bryan Ferry-Hauch. Seine Kleidung kommt so niemals einem Kostüm gleich, sondern eher einem Mittel, dass seine Person oder ein bestimmtes Gefühl vermittelt. Kurzum: pure Authentizität!  

Als weiteres Indiz hierfür können die einreihigen, fliederfarbenen oder neongrünen Mohair-Anzüge hinzugezogen werden, die bei Unwissenden – und/ oder Kleingeistigen – zu Kopfschütteln führen. Natürlich fallen die auf, aber dadurch dass Ferry sich beim Rest des Ensembles wahnsinnig zurückhält, kommt niemals der leiseste Gedanke der Affektiertheit auf. Viel eher zeigt er, ähnlich wie bei seiner Musik, ein – entschuldigen Sie das Oxymoron – zeitloses Gefühl für den Zeitgeist. 

Jetzt zum wirklich spannenden Teil: Wie würden wir Mr Bryan Ferry einkleiden? Er, der keine Scheu vor stilistischen Experimenten hat, wäre bei uns sicherlich – so viel Selbstlob darf sein – gut aufgehoben. Wir würden uns wahrscheinlich nicht allzu sehr an seinen ansonsten sehr soften und drapigen Anzügen orientieren, sondern uns auf unsere Silhouette besinnen, die ja auch nicht ganz fernab ist von seiner 70er Jahre Garderobe. Ich könnte mir mehr Spiel mit Texturen vorstellen. Vor meinem inneren Auge schwebt eine weite, schwarze, hochsitzende Bundfaltenhose aus seinem geliebten Mohair und dazu ein mild-glänzender, silberner, doppelreihiger Blazer. Letzterer hätte ein breites geschwungenes Revers, wahrscheinlich eine 2×1 Knopfanordnung und wäre aus einer Wolle-Seide-Leinen-Mischung. Dazu schwarze Horsebit-Loafer mit rosafarbenen Seidenkniestrümpfen. Vollendet wird der Look durch eine breite schwarze Strickkrawatte, einem weißen Hemd aus Voile – perfekt für die Bühne –, leicht zurückgestrichenen Haaren und einer Packung Zigaretten Nil Blau. Der blaue Dunst der Zigarette hüllt den ansonsten monochromen Look in die passende, nuanciert-abgeklärte Atmosphäre – im Hintergrund läuft Slave to Love. MM/YS