Silver Screen Revisited: Dickie Greenleaf (Der talentierte Mr. Ripley, 2000)

“Dickie Greenleaf?!”

“Who’s that?”

“It’s Tom… Tom Ripley!”

“Tom Ripley?”

“We were at Princeton together.”

“Oh well … did we know each other?”

“Well … I knew you! So, you must have known me.”

Mit einer tarnenden Lüge beginnt das ganze Drama im Spielfilm Der talentierte Mr. Ripley aus dem Jahr 2000.  Der von Vater Herbert Greenleaf engagierte, verarmte Pianist Tom Ripley – gespielt von Matt Damon -, der sich gerade noch am Strand von Mongibello – fiktionale Stadt Italiens, eigentlich Corricella – Italienisch beigebracht hat, begegnet beim Baden (natürlich) “ganz zufällig” Dickie Greenleaf – gespielt von Jude Law -, einem Sprössling eines amerikanischen Schiffbauerclans mit noch weniger Gehirn als Sorgen.   Der emotionale und ansonsten auch hochintelligente Ripley ergattert sich durch Charme und Aufmerksamkeit die Freundschaft und das Vertrauen von Marge Sherwood, Dickies Lebensgefährtin, und Dickie.  Der von Tom von nun an exerzierte Plan trägt die Handschrift des Teufels.

In der Serie “Silver Screen: Revisited” tangiert uns das Drehbuch eher peripher – auch, weil Spoilern einem Schneider nicht gut steht.  Uns interessiert das Kostüm – konkret das des Dickie Greenleaf.

Der filmische Charakter Dickie Greenleaf

Dickie Greenleaf lebt augenscheinlich das Leben, das sich jeder wünscht.  Er wohnt in einem sehr charmanten Haus an der italienischen Riveria, hat ein liebenswertes, intelligentes Fräulein an seiner Seite und kann tun und lassen, was er will – das finanzielle Federbett seiner Familie erleichtert das Ganze ungemein.  Maslow würde vor ihm einen Knicks machen.  Da die 2000er Verfilmung durch die weinerlichen Augen des grundsätzlich armen, wenn auch talentierten Tom Ripley präsentiert wird, der sich einerseits das Leben Dickies wünscht, andererseits dessen Leben mit Affären, seine Unzuverlässigkeit und dessen geerbte Arroganz verabscheut, wirkt der Charakter des Dickie nur bedingt sympathisch auf den Zuschauer.  Dickie weiß um seine Anziehungskraft, lebt sein Leben so, wie er es will, und alle anderen, die sich in seinem Anziehungsfeld verfangen, können daran teilhaben, sollten es aber tunlichst vermeiden, sich daran zu ergötzen beziehungsweise süchtig zu werden … denn, wenn sie ihm in seinem Leben auf den Geist gehen, sind sie genauso schnell weg, wie sie da waren.  Ein Detail, das dazu passt, ist, dass Dickie, wenn er sich mit Kritik konfrontiert sieht oder sich in seiner eigenen Moralwelt gestört fühlt, zu herber Gewalt neigt.  Da wir uns den Schuh des Spoilings nicht anziehen wollen, verzichten wir an dieser Stelle auf genauere Details.

In Rom einen Kaffee trinken.

Unterstreichung des filmischen Charakters durch das Kostüm

Dickie trägt dementsprechend seine Kleidung mit einer unnachahmlichen Nonchalance. “Unnachahmlich” ist hier ein gutes Wort:  Es ist lustig, dass selbst das Genie der Kopie, Tom Ripley, ihn beginnt, in Sachen Kleidung und Lebensart nachzuahmen, dabei aber kläglich versagt.  Er kleidet und gibt sich zwar wie Dickie, wirkt aber immer noch wie ein narzisstischer Pedant.  Ihm fehlt einfach Dickies Schneid.  Darüber kann auch die fantastische, maßgeschneiderte Kleidung Italiens – konkret Battistoni – der 50er Jahre nicht hinwegtäuschen.  Der Film zeigt auf melodramatische Art und Weise, dass einerseits persönlicher Stil niemals kopiert werden kann und damit auf der anderen Seite, dass man seiner Herkunft kaum entkommen kann.  Konkret, Tom Ripley wird immer Tom Ripley bleiben – auch wenn er sich kleidet wie ein Dickie Greenleaf.  Die Kostümdesignerin Anne Roth hat zusammen mit Gary Jones diese schwierige Aufgabe der non-verbalen Vermittlung der ganzen Tragik nuanciert und mit der notwendigen Komplexität gemeistert.  Frau Roth hat hierfür eine Reihe von verschiedenen Techniken verwendet:

Dickie Greenleaf trägt eine Mischung aus formalen und sportlichen Elementen.  Dies unterstreicht den Gedanken, dass ein Greenleaf selbstverständlich weiß, wie man sich kleidet, es aber – weil er eben ein Greenleaf ist – nicht muss.  Heraus kommt Kleidung, die stets im Schnitt auf den Zentimeter genau passt, formalästhetisch jedoch kaum.  In Rom wird eine hellblaue Regimentskrawatte mit einem weißen formellen Hemd mit einem maßgeschneiderten einreihigen Clubblazer getragen – so weit so gut -, aber dann mit einer weiten Hose aus hellgrauem Leinen und weißen Espadrilles und einem schwarzen Porkpie-Hut kombiniert.  In der Freizeit wiederum werden Polo-Hemden mit Shorts und Gucci-Loafern und hochwertigem Schmuck getragen.  Kurzum, Dickie versteht es, die Hochs und Tiefs der Skala der klassischen Herrenmode zu kombinieren und damit zu brechen.  Er schafft somit einen eigenen Stil, der ihn authentisch wirken lässt – dafür braucht er nicht die gesellschaftliche Bestätigung, dass er korrekt gekleidet ist. Es ist dieses Selbstbewusstsein, das seinen Look einmalig und unnachahmlich werden lässt.

Hut.

Wie würden wir Dickie Greenleaf kleiden?

Dickie Greenleaf braucht für sein Leben in Italien sommerliche Basics des guten Tons.  Wir würden ihm wahrscheinlich zu einem Set raten: Ein sommerlicher Abendanzug aus mitternachtsblauem Mohair, vielleicht ein mittelgrauer doppelreihiger Anzug aus einer offenen Webung für formellere Tagesevents und ansonsten Kombinationen aus Leinen- und Mohairhosen und Blazer aus Hopsack und Leinen mit langärmligen Hemden mit Polo-Leiste aus Leinen, Giro Inglese, Jersey und Chambray.  Für die sportlicheren Kombinationen würden wir für Hosen und Jacken bei klassischen Farben wie Braun, Beige, Sand, Eierschale und Navy plädieren – bei Hemden könnte hie und da Farbe gewagt werden.  Für den Restschliff des Auftritts wären wir wahrscheinlich vergebens verantwortlich: Dickie würde durch die heimische Auswahl an Accessoires seinem Outfit das gewisse Etwas verpassen.  Empfehlungen würde er vielleicht anhören, aber nicht Folge leisten. MM/JHS

Maximilian Mogg

Kreativdirektor & Chefredakteur

No Comments Yet

Comments are closed