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28. März 2021

S3E5 – Lass uns noch ein Getränk nehmen! … das gibt mir Zeit zum Denken.

by

Maximilian Mogg

In Lushs Kopf hat’s gut gerasselt, als er rücklings vom Stuhl gefallen war und nur mit seinem Hinterkopf bremsen konnte. Als er wieder seine Augen öffnet, liegt er immer noch auf dem Boden der Bar Flavios – die Lehne des Barhockers immer noch im Kreuz – verwundert, dass alle Gäste wie vom Erdboden verschwunden sind, alle Lichter ausgeknipst sind, keine Spülmaschine läuft und kein Kühlschrank surrt. Stille; nichts als Stille. Er schaut sich aus seiner uneleganten Position weiter um. Eine offene, hell erleuchtete Notausgangstür fällt ihm auf.

„Die war vorher aber noch nicht da!“

Er beginnt sich in der Dunkelheit zu sortieren: Arme, Hände und Finger funktionieren noch; Beine, Füße und Zehen ebenfalls. „Das Glück ist anscheinend wirklich mit den Dummen!“, denkt sich Lush und beginnt, sich langsam vom Barhocker zu rollen und von allen Vieren aufzurappeln. Als er dann langsam wieder steht, sich kurz abgeklopft hat und den schmutzigen Boden unter seinen – zugegebenermaßen immer dünner werdenden – Schuhsohlen spürt, fängt er an, sich im Dunkeln am Tresen entlang Richtung der gleißenden Tür zu tasten. Als er im Lichtkegel der Tür steht, blendet ihn das Licht so stark, dass ihm nichts anderes übrig bleibt, als seine Sonnenbrille aus seiner Brusttasche hervorzukramen – und das obwohl er es ansonsten tunlichst vermeidet, Sonnenbrillen zu tragen. Lushs Meinung nach tragen das nur Damen und Herren, die ihren Kater verbergen wollen.

Die Brille wird auf die Nase geschoben und leicht justiert … und Lush tritt aus der Dunkelheit in das Licht. Er staunt nicht schlecht, als er merkt, dass er auf Wolken zu stehen scheint – der Boden ist so weich und er fühlt sich beinahe schwerelos. Keine Zeit vergeht nach dem kurzen Moment der Erleuchtung, als sich der Boden mit rasender Geschwindigkeit nach vorne in Bewegung setzt. Lush wedelt mit seinen Armen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren, aber fallen scheint er sowieso nicht zu können. Vor lauter Angst möchte er umdrehen und zurück zur Bartür rennen … aber der himmlische Fahrsteig kennt kein Zurück und erhöht stattdessen die Geschwindigkeit. Es gibt kein Entrinnen vor dem endgültigen, unbekannten Ziel des Wegs. Lush bleibt nichts anderes übrig, als sich diesem voller Panik hinzugeben.

„Dieser schreckliche helle Raum.“

Nach einer kurzen – oder einer langen … wer weiß?! – Zeit, hält der wolkige Fahrsteig abrupt an. So abrupt, dass unser Held von Gestern nun tatsächlich das Gleichgewicht verliert und fällt. Wehrlosigkeit! Absolute Wehrlosigkeit!

„Wo bin ich? Wo sind meine Freunde?“

Er richtet sich auf und setzt seinen Blick nach oben. Seine Augen erblicken eine ewig lange, goldene Wendeltreppe – eingefasst in Efeu -, die hinauf in weitere weißen Wolken führt. Das Lied Nomadi von Alice ertönt.

Nomadi che cercano gli angoli della tranquillità 
nelle nebbie del nord e nei tumulti delle civiltà, 
tra i chiariscuri e la monotonia dei giorni che passano. 
Camminatore che vai cercando la pace al crepuscolo, 
la troverai, la troverai alla fine della strada.

Auch wenn Lush weder Italienisch spricht noch versteht, gibt die Musik ihm auf magische Art und Weise eine unfassbare Kraft. Er schreitet die Treppe empor und beginnt, seine Angst vor dem Ungewissen zu vernachlässigen. Die Panik wandelt sich in eine – wenn auch beklommene – Neugier.

Wieder eine kleine Reise ohne das leiseste Gefühl für Zeit und Raum.

Die Treppe endet einfach irgendwann und Lush steht als Letzter in einer langen Warteschlange vor einem mächtigen, ebenfalls goldenen Tor. Das Gebilde aus stilvoll geschwungenen Stangen erinnert ihn an das Tor der Villa seines Berliner Kieferorthopäden – ein ewiger Angeber, der selbst es nicht sein lassen konnte, seine Initialen auf das Tor in übergroßen, geschwungenen goldenen Buchstaben auf das Tor zu setzen. Sowohl Elefanten, Hunden, Hauskatzen, Tapiren, Menschen, Nashörnern, Delphinen als auch Löwen & Konsorten warten geduldig vor dem Tor auf Einlass. Lush reiht sich brav ein und wartet darauf, was nun passieren wird.

Ein Hammerhai in weißer Kutte und Stein und Meißel schreitet an der Schlange vorbei und hält bei ihm an.

„Name und Konfession bitte.“, fragt er in einstudierter, müder Manier – hat er diese Frage wahrscheinlich schon zum abermillionsten Mal gestellt. Lush denkt kurz nach, bevor er antworten will, als plötzlich eine tiefe Stimme aus dem Off unterbricht.

„Theo, frag ihn nach seinem liebsten Champagner!“ … der Hammerhai stöhnt.

„Ihr Lieblingschampanger?!“, fragt Theo, der Hammerhai, genervt.

Lush muss nicht lange nachdenken, um dies zu beantworten. Die Antwort ist doch einfach und offensichtlich. Das erinnert ihn an seine Zeiten in Eton – wo diese Frage im Prinzip jedes Mal im Pausenhof aufkam und hitzig diskutiert wurde. Ähnlich wie in der Westside-Story gab es die Jets und die Sharks – die Überzeugungen wurden auch ähnlich à la Broadway Show tänzerisch vorgetragen. Die Jets waren der festen Überzeugung, dass nichts anderes als Mörderer Kristall über ihre Lippen träufeln sollte, wohingegen die Sharks der Meinung waren, dass Ruiniert das einzig wahre Getränk für die selbsternannten Götter sei. Lush, der sowohl von der einen als auch von der anderen Truppe nicht akzeptiert wurde – quasi konfessionslos -, durfte seine Meinung für sich behalten … außer er wollte sich unbedingt Prügel verdienen.

„Wenn’s nicht schlechteres gibt, halte ich es mit Kloet.“, antwortete Lush.

„Lass ihn rein, Theo. Er ist einer von uns. … ich erkenne meine Schweine doch am Gang!“, tönt es von der Stimme aus dem Off.

Der Hammerhai Theo führt Lush an der Schlange der starrenden und neidischen Lebewesen vorbei – sie hatten die Extrawurst-Behandlung argwöhnisch verfolgt -, öffnet das übergroße Tor und, nachdem Lush reingehupft war, gibt er ihm mit:

„Links um die Ecke, in den goldenen Aufzug, Wolke Sieben drücken.“

Gesagt, getan. Mir nichts, Dir nichts steht Lush auf der mildrosafarbenen Wolke Sieben und sieht einen menschengroßen, leicht angetrunkenen Baseball-Schläger – selbstverständlich mit Beinen und Armen – in einer Wies-von-der-Lohe Chaise Lounge liegen. Neben ihm zwei leere Flaschen Kloet am Boden verteilt. Als der Baseballschläger Lush bemerkt, ringt er sich zu einem leichten Hicks hin und richtet sich auf dem Tagesbett auf.

„Warte… einen kurzen Moment, bitte! Ich muss mich kurz orientieren.“, sagt der nun offensichtlich schwer betrunkene Baseballschläger. Er atmet einmal tief ein und aus.

„… Ok … jetzt. … Jetzt geht’s wieder.“

„Entschuldigen Sie die Unhöflichkeit, aber darf ich fragen, wo ich hier bin. … ich meine, ich hab‘ so eine Ahnung, aber ich möchte nur sicher gehen.“, fragt Lush zögerlich den Baseballschläger.

“ … Sie sind im Himmel. (hicks). Ich dachte, das wäre offensichtlich…“ Er schaut sich theatralisch um. „… ich hab mir doch so viel Mühe mit der Inneneinrichtung Mühe gegeben. (hicks).“ Jetzt wirkt der Baseballschläger irgendwie traurig – hatte Lush ihn verletzt(?).

„Sicherlich. Verzeihen Sie, dass ich gefragt habe. Ich bin manchmal etwas unsicher. Dann gehe ich wahrscheinlich auch richtig in der Annahme, dass Sie Gott sind.“, Lush wollte die Situation retten.

„Jop!“, der Baseballschläger hatte einen Engel-Kolibri bereits hergewunken und zuerst auf die Flasche und dann auf Lush gezeigt. Der Engel-Kolibri wusste Bescheid. Gott, der Baseballschläger, nickte zum Dank und pfiff dem Kolibri-Engel anzüglich hinterher.

„Eklig.“, denkt sich Lush und hofft sofort, dass der Baseballschläger nicht auch Gedanken lesen kann.

„… doch kann ich.“, unterbrach der Baseballschläger die Gedanken und somit die Hoffnung Lushs.

„Unangenehm.“, denkt sich Lush.

„… nicht so schlimm. Passiert mir die ganze Zeit. Viel wichtiger als was man denkt, ist, was man tut und sagt. Prost!“ Lush tritt an die Chaise Lounge und stößt mit seiner in der Zwischenzeit übervoll gefüllten Champagnerflöte mit Gott an.

Es wurde ein längeres, oberflächliches Gespräch von Wetter, über das Lieblingsthema des Baseballschlägers – Champagner – bis hin zu Cricket. Ein schöner Plausch ohne Hintergedanken. Als zwei weitere Flaschen sich zu den gefallenen Brüdern am Boden gesellten und Gott im Begriff war, den Kolibri-Engel herzupfeifen, ließ sich Lush zu einer weiteren Fragen hinreißen.

„Entschuldigen Sie erneut meine Neugier, Gott. Aber … bin ich tot? Oder warum bin ich hier?“

„Nö, Du bist nicht tot. Ich wollte nur mit Dir reden und hab‘ Dich über den Dienstweg mal kurz nach oben geholt.“

„Ach… dann ist ja gut. Über was wolltest Sie denn mit mir reden, Gott?“

„Kannst mich ruhig dutzen, Lush!“ Der Baseballschläger nimmt kurz Luft und spricht mit ruhiger und bestimmter Stimme: „Hör mal, Lush! Da, das mit dem Auftrag von den Frauen … das machst Du mir mal schön nicht, ne?!“

„Ehm… ok. Hatte mir noch keine Gedanken dazu gemacht – hab ja noch keinen konkreten Auftrag bekommen. Es scheint, als wüsstest Du mehr. Darf ich fragen, warum?“

„Lass es einfach! Mach die Welt, die ich aufgebaut habe, nicht noch komplizierter!“

„Ok, Gott!“

„Gut!“, sagte der Baseballschläger und gähnte. „Genug getan für einen Tag. Ich werde ein wenig müde. Weißt Du … war schön mit Dir! Hat richtig Spaß gemacht! Lass uns das Ganze wiederholen. Ich melde mich.“

„Ok. Kurze Frage noch: Wie komme ich wieder runter, Gott!“

„Nimm den Pater Noster.“

MM/ESG/PS

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