────

19. März 2016

Rasur ist keine Tortur

by

Maximilian Mogg

„Ich brauche ein Produkt, das den Rasurbrand verhindert. Was nehme ich da am besten?“ fragte ich Kornelius Werhahn-Mees und Oliver Hausner von SoulObjects in der Prenzlauer Allee 24 in Berlin. Die Antwort war einfach: „Ein Rasiermesser.“ Da blickte ich schon erst mal nicht schlecht drein, hatte ich doch gedacht, dass die Rasierklingen das geringste Problem bei meiner Rasur seien. Aber ich will nicht zu viel vorwegnehmen, denn Kornelius und Oliver offenbarten mir, dass es nicht nur das Rasiermesser ist, das den Unterschied macht, sondern das komplette Paket. Folgend finden Sie das klassische Rezept zur schonendsten Rasur.

Bestandsaufnahme

Zunächst gleicht auch die Wahl der Art der Rasur allen anderen Wahlen, die mit dem eigenen Körper zu tun haben. Egal, ob Wahl des Schneiders, des Friseurs oder der Rasur: Die erste Frage lautet immer, wer bin ich, was bin ich und was sind meine körperlichen Voraussetzungen. Diejenigen Leser, die sich gerade dabei erwischen schwer auszuatmen oder die Hand an die Stirn zu nehmen, irren gewaltig, denn eine Rasur muss zum Haut- und zum Barttyp passen und nicht umgekehrt. Es lohnt also mit dem Verkäufer das Gespräch zu suchen – falls er dies nicht selber tut, würde ich mich in Richtung Tür bewegen – und ihm zu erklären, wie Sie bisher auf die Rasur reagieren. Konkret heißt das, ordnen Sie ihre Haut vorab in die Kategorien sensibel, normal, pflegeleicht oder den Zwischentypen ein; den Barttyp in folgende: fedrig wie Küken, fellig wie ein Golden Retriever oder  borstig wie ein Wildschwein. Zusätzlich tut es auch nicht schlecht, wenn Sie sagen, wie oft Sie sich die Woche rasieren möchten, um dem Verkäufer ein Gefühl zu geben, wie oft die Haut der „Pflege“ ausgesetzt wird. Mit diesen Erkenntnissen im Rücken gehen wir nun die Zusammenstellung des Produktensembles – Rasierpinsel, -seife, -messer, Aftershave – für eine klassische und schonende Rasur an.

Die Mittel zur perfekten Rasur

Rasierpinsel

Erstens, der Pinsel ist das Medium, das den Rasierschaum aufschlägt und auf die Haut aufträgt. Er soll genau wie der Rasierschaum die Haut und die Barthaare für die Rasur zu preparieren. Sein Härte- bzw. Weichegrad muss also mit dem Hauttyp harmonieren. Ein sensible bis normale Haut sollte also zunächst Abstand nehmen von allzu harten Pinseln, da diese die Haut zu stark belasten und somit Rasurbrand vorprogrammiert ist. Der Vorteil dieser Pinsel ist für die Herren, die es vertragen, dass sie die Haut massieren und peelen. Nun ist es so, dass bei Rasierpinseln meist eine einfache Faustformel greift: Je weicher der Pinsel, umso höher die Qualität und umso tiefer muss der Herr in die Tasche greifen. Vor dem Hintergrund, dass die geplagten Herren mit sensibler Haut eben diese Weichheit benötigen, mag das unfair erscheinen, aber wie sagt der Italiener: „La vita è dura, ma siamo più forte.“ (Das Leben ist hart, aber wir sind härter.) Die beliebtesten Borsten für Rasierpinsel kommen entweder vom Wildschwein oder dem Dachs. Beim Dachshaar – dem weicheren Haar – können die Preise für den Pinsel schnell astronomische Höhen erreichen. Für die höchsten Qualitäten Silver Tip oder Best Badger kann man bisweilen 200€ und je nach Material des Griffes noch mehr zahlen. Ein teurer Pinsel ist aber nicht gleichbedeutend mit einer guten Rasur, denn der Rasierpinsel muss mit der Seife Hand in Hand gehen. Ein Modell für 60€ bis 70€ aufwärts ist für den Anfänger vollkommen ausreichend und hält bei guter Pflege Jahrzehnte lang.

Ein Rasierpinsel aus weichem Dachshaar passt sehr gut zu weichen Rasierseifen.
Ein Rasierpinsel aus weichem Dachshaar passt sehr gut zu weichen Rasierseifen.

Rasierseife

Der nächste Schritt nach der Auswahl des Pinsels ist das Abstimmen der Rasierseife auf den Pinsel. Kornelius Weerhahn-Mees betont, dass genau hier das Problem vieler Verkaufsgespräche liegt, da die Verkäufer meist selbst diesen Zusammenhang nicht kennen. Dabei ist die Regel eigentlich einfach: Ist die Seife hart, braucht man einen harten Pinsel – und umgekehrt. Im logischen Rückkehrschluss heißt das, dass Herren mit einer sensiblen Haut auf eine weiche Seife zurückgreifen müssen, da ihr Pinsel ja bereits weich ist. Gentlemen, die es lieben und vertragen, ihre Haut mit einem harten Pinsel zu massieren, können auf härtere Seifen zurückgreifen.

Was hochqualitative Rasierseifen von den billigen aus der Tube unterscheiden, ist vor allem der Gleitfilm: Er erleichtert die Rasur ungemein, weil Mann die Klinge über die Haut mit Leichtigkeit fahren kann und die Haare quasi wie von selbst abfallen. Der Unterschied vom guten zu schlechten Film ist wie Tag und Nacht und ist sofort spürbar. Außerdem weicht ein guter Schaum das Barthaar ein und bereitet es so perfekt auf die scharfe Klinge vor. Erwähnen Sie den Härtegrad Ihres Barts gegenüber dem Verkäufer, denn je härter Ihr Bart ist, umso mehr muss die Seife das Barthaar einweichen können. Außerdem geht bei guten Schäumen meistens einher, dass ein qualitativer Schaum den Bart aufstellt und so die Rasur noch glatter macht. Dadurch können die Haare näher an der Haut abrasiert werden, ohne mehr Druck auf die Klinge/n bringen zu müssen – ein häufiger Grund für Rasurbrand ist zu hoher Druck der Klinge auf die Haut. Auf die Frage hin, mit welchem Budget gerechnet werden muss, erklärt Oliver Hausner, dass auch hier die Spannweite wieder weit ist, Anfängerprodukte aber schon ab 8 € zu haben sind. Für das obere Drittel sollte man allerdings mit 30€ rechnen. Die Vorteile der teureren Seifen sind eindeutig: Die Liste der Inhaltsstoffe ist kürzer, die Chemie ist ausradiert und die Seifen sind regional gesourct. Man muss sich also wie so oft im Leben fragen, was einem Produkte, die man sich ins Gesicht und an den Mund schmiert, wert sind – diese Frage sollten sich mehr Leute stellen, als nur Kosmetiker. Außerdem tut man der Umwelt auch nicht schlecht, wenn man nicht das komplette Abwasser mit Chemikalien verseucht.

Die Rasierseife von Antica Barbieria Colla ist für mich das Nonplusultra.
Die Rasierseife von Antica Barbieria Colla ist für mich das Nonplusultra.

Rasiermesser

Mit dem auf die Haut abgestimmten Schaum haben wir ein perfektes Fundament gelegt, um mit der Rasur zu beginnen. Wie ich eingangs erwähnte, mag es anfangs nicht direkt eingängig klingen, doch Männer mit sensibler Haut sollten Abstand nehmen von billigen Sicherheitsrasierern. Gerade mit den leichten Modellen kriegt man die Haare meist nicht gegriffen und kommt schnell in Verlegenheit zu drücken anstatt zu ziehen. Diesen Fehler begeht man mit einem Rasiermesser kaum, außer man hat andere Ziele als eine glatte Rasur im Sinn. Kornelius überzeugte mich mit dem Argument, dass er mit dem Rasiermesser sogar seinen großen Mittelscheitel rasiert und dass man bei korrekter Vorbereitung wirklich nichts zu befürchten hat. Ich habe mich für die preiswerte Shavette mit Wechselklingen entschieden, da ich ihm anfangs ehrlich gesagt das nicht wirklich glauben konnte. Das Resultat war in der Tat phenomenal und mein jahrelanger Rasurbrand war verschwunden. Der Nachteil, dass man die Wechselklingen nachkaufen muss, bleibt leider im Vergleich zum Wechselrasierer bestehen. Die einfachen Klingen sind aber bei Shavettes natürlich viel günstiger als die von Sicherheitsrasierern.

Die langfristig intelligenteste Lösung ist die Investition in ein klassisches Rasiermesser. Hier sollte man beachten, dass man, wenn man vom Verkäufer bei diesem Wunsch nicht sofort einen Abziehriemen aus Juchtenleder mit angeboten bekommt, sofort das Geschäft verlassen sollte. Wenn nämlich das nicht geschieht, hat das Gegenüber spätestens nach der zweiten Rasur den Eindruck, man wäre dem Schlachthof entkommen. Der Abziehriemen dient der Schärfung der Klinge und sollte nach jeder Rasur für ca. 5 Minuten verwendet werden. Ansonsten zerstören die winzig kleinen Späne, die sich bei der Rasur bilden und die Klinge unscharf machen, die Haut. Das Leder muss beim Schärfen stramm gehalten werden, da man die Seele des Messers zerstört. Bei  regelmäßiger Pflege des Messers muss jedoch nie mehr in neue Klingen investiert werden. Des Weiteren investiert man in ein Erbstück, das von Generation zu Generation weitergereicht werden kann.

Ich kann für mich behaupten, meinen Rasurbrand durch das Rasiermesser abgestellt zu haben; für alle Herren, die damit weniger Probleme haben, bleibt es allerdings eine Stilfrage. Es ähnelt der Frage, ob eine Quartzuhr nicht auch reicht: sie zeigt ja schließlich auch die Zeit an. Es ist nicht unbedingt praktischer, aber die eigentliche Frage ist, ob die Pflege des eigenen Körpers eine Funktion der Effizienz ist und danach optimiert werden sollte.


Eine Shavette ist der perfekte Einstieg für den Anfänger.
Eine Shavette ist der perfekte Einstieg für den Anfänger.

Aftershave

Die Rasur ist getan, die Haare sind ab. Was nun? Die klassische Variante wäre jetzt mit Alkohol über das Gesicht zu gehen, um so die kleinen Wunden zu schließen und zu desinfizieren. Diese Methode gilt als ein wenig antiquiert, ist aber eine super für alle diejenigen, die den Schmerz lieben. Patrick Bateman, Protagonist des Romans American Psycho von Bret Easton Ellis, wusste  schon in seiner Morning Routine einen weiteren Nachteil von alkoholischen Aftershaves zu erklären: I always use an after shave lotion with little or no alcohol, because alcohol dries your face out and makes you look older. Nur wenige möchten älter aussehen als Sie sind und es empfiehlt sich deshalb auf After Shave Lotions mit Aloe Vera oder ähnlichen Extrakten zurückzugreifen. Ich empfehle die preiswerteste Variante: den Alaun-Stein. Die Herren von Soul Objects sagen, dass viele Verkäufer ihn ungern verkaufen, weil der Kunde nie wiederkommt und er ist sehr günstig. Ein Killerargument für umsatzorientierte Geschäfte. Er schließt aber durch seine laugischen Eigenschaft sofort alle Wunden, eignet sich durch seine Größe perfekt zum Reisen und hält Jahrzehnte. Außerdem ist er geruchsneutral und eignet sich damit auch für Herren, die dem Parfum frönen und nicht möchten, dass die verschiedenen Nuancen einander überschneiden. Der Alaunstein kostet keine 2 Euro; bei einem guten Aftershave mit seiner milchigen Textur fangen wir bei 15 € an.

Der Alaunstein ist eine günstige und langfristige Investition.
Der Alaunstein ist eine günstige und langfristige Investition.

Vorgang

Im Rheinland heißt es: „Gepisst, gebet‘, ins Bett… und nicht andersrum.“ Die korrekte Reihenfolge ist gerade bei der Rasur entscheidend. Aus diesem Grund beschreibe ich kurz noch die Ausführung einer guten Rasur.

Haut vorbereiten

Am besten rasiert man sich nach einer heißen Dusche: Die Poren sind geöffnet und die Haut aufgeweicht.

Rasierschaum aufschlagen

Man kratzt ein wenig Rasierseife von dem „Camembert“ in eine kleine Schale und fängt diese an mit dem in heißen Wasser eingeweichten Pinsel aufzuschlagen. Dies macht man so lange bis der Schaum bläschenfrei ist.

Rasierschaum verteilen

Bringen Sie den Schaum mit dem Pinsel zunächst in Richtung des Bartwuchses auf bis der komplette Bart bedeckt ist. Dann gehen Sie mit einer weiteren Portion Schaum auf dem Pinsel gegen den Strich des Bartwuchses, um die Haare aufzustellen. Als letzten Schritt empfehle ich, mit tupfenden Bewegungen mit dem Pinsel die Haare senkrecht zur Haut aufzustellen.

Rasieren

Rasieren Sie mit dem Strich im 45 Grad-Winkel. Ich kann für mich sagen, dass ich die Klinge noch steiler zur Haut ansetze, um die Haut weniger zu belasten und die Haare besser zu rasieren. Das Risiko sich zu schneiden nimmt mit zunehmender Steilheit der Klinge allerdings zu. Man sollte hier seinen eigenen Stil finden. Für mich gilt das Motto alla Austin Powers: I like to live dangerously. Herren, die extremely dangerously leben möchte, können im zweiten Schritte die oberen Schritte wiederholen und dann gegen den Strich rasieren. Das bringt das letzte bisschen Glattheit, ist aber nur was für Profis.

Überreste abwaschen

Waschen Sie die Überreste des Schaums mit kaltem Wasser ab, um das Gesicht zu säubern und die Poren zu schließen und tupfen Sie das Gesicht mit einem weichen Handtuch trocken. (nicht rubbeln!!)

Aftershave

Wenn Sie sich für die Variante mit Aftershave-Lotion entschieden haben, können Sie nun die Lotion auftragen und einwirken lassen. Danach fahren Sie mit der normalen täglichen Pflege fort. Der gleiche Ablauf gilt für den angefeuchteten Alaun-Stein.

Warum überhaupt rasieren?

Zum Abschluss sei erwähnt, dass Arthur Schopenhauer eine recht dezidierte Meinung zur Rasur hatte: Alles Behaartsein ist tierisch. Die Rasur ist das Abzeichen höherer Zivilisation. Der Großteil der Damenwelt wird ihm zustimmen.

Zusatzinformationen

Für Männer, die sich nur die Bartkonturen rasieren, eignen sich Shaving Oils und Rasiergele besser als Schaum, da man freie Sicht auf den Bart hat.

Rasiermesser aus Stainless Steel? Der Traditionalist sagt: Spinnst Du!? Mit Stainless Steel spart man zwar den Arbeitsschritt des Trocknens und Fettens der Klinge, aber man büßt an Schärfe ein.

Kornelius wusste die schöne Anekdote zu erzählen, dass ein wahrer Gentleman natürlich sieben Rasiermesser sein Eigen nennt. Warum? Für jeden Tag in der Woche eins. Und am Sonntag setzt er sich hin und schärft alle Messer auf einmal. Eine schöne Tradition. MM