Das Problem der deutschen Herren

Ja, ich weiß, was die äusländischen Herrschaften unter Ihnen sagen werden: Das Problem? Es gibt nur eines? Wissen Sie was: ****** *** **** *** ****!  Nach diesem kurzen Ausraster, der möglicherweise auf die momentane politischen Spannungen zurückzuführen ist, freue ich mich umso mehr, dass mein Journal sich nur mit Herrenoberbekleidung und ähnlichen Notwendigkeiten beschäftigt.  Da wir Deutschen bekanntlich ja keinen Sinn für Humor haben, werde ich mir ebenfalls sparen, andere notwendige Teile einer Einführung zu schreiben und komme gleich zum Thema: Warum sind die Deutschen nicht unbedingt bekannt für guten Geschmack in Sachen Klamotte?

Adolf Loos hat den Nagel auf den Kopf getroffen

Die Schneider der Savile Row, die ich kennenlernen durfte, beschreiben ihr deutsches Klientel als herb konservativ.  Kein Zweifel, wenn wir viel Geld für Kleidung locker machen sollen, hat sicherlich nicht die Stunde für Experimente geschlagen.  Wir überlassen diese Aufgabe den Dandies dieser Welt und fliegen weiter unter dem Radar.  Es würde sowieso in der falschen Röhre kommen: Durch Klamotte seinen Reichtum zu zeigen, gilt als Ding für Neureiche, die arm an Geschmack und Männlichkeit sind; deswegen kaufen wir uns lieber eines von unseren groß(-artig)en, schnellen Autos – Wink mit dem Zaunpfahl.  Ja, es ist nicht ganz falsch, unsere Zahlungsbereitschaft für Maßanzüge, -mäntel, -hemden und -schuhe ist nicht unbedingt die höchste; aber warum auch mehr als 500€ ausgeben, wenn 99,9% sowieso den Unterschied nicht erkennen kann?  Und dann gibt es ja noch die 0,01%, die es erkennt und vor denen wir uns dann für unsere Investition in unsere Garderobe rechtfertigen müssen.  Da kaufen wir uns doch lieber halbjährlich einen Anzug von Hugo Boss – leider eine Notwendigkeit, denn durch die heißen Sitzheizungen unserer Mercedes-Benzen werden unsere schwarzen Hosen immer so glänzend.  Grund Nr. 1:  Kein wirklicher Enthusiasmus, weder persönlicher noch sozio-kultureller. 

Und trotzdem sind wir eitel wie sonst noch was und bekämpfen Stilbrüche mit Knoblauchgerlanden, Silberkugeln und Kruzifixen. Dadurch wirken wir steif und arrogant.  Dumm nur, dass das alles andere als elegant ist – eigentlich ja unser größter Traum.  Das passt leider wie Arsch auf Eimer mit unseren nächsten eher schlechten Charakterzug:  Wir sind Klugscheißer und wollen aber wirklich jedem erklären, wie man einen Anzug zu tragen hat.  Sehr elegant und gar nicht unverschämt.  Grund Nr. 2:  Eitelkeit lässt einen nicht gut aussehen. 

Der große Kritiker des 20. Jahrhunderts Adolf Loos beschrieb einst einen anderen deutschen Stereotyp: Die, die es versuchen. Der Deutsche bringt seine Individualität durch merkwürdige Kleiderschnitte, durch außergewöhnliche Erfindungen auf dem Gebiet, durch abenteuerliche Krawatten zum Ausdruck.  Innerlich ist er jedoch wie jeder andere.  Jeder […] raucht seine fünf Zigaretten am Tag, […], spricht in gleicher Situation die selben Sätze (man frage die Prostituierten),  trinkt seine gleiche Anzahl Biere zur Erlangung der Bettschwere, […] und legt sich zu seiner Frau. Dafür will er doch individuell gekleidet sein und verachtet die Uniformität des Engländers.  Es ist wirklich amüsant und auf der anderen Seite beängstigend, wie diese Worte auch heute noch ihre Richtigkeit haben.  In unserem Kern sind wir immer noch keine Individualisten.  Wir folgen gerne Regeln, die von selbsternannten Stilpäbsten in die Welt hinausposaunt werden, wobei wir einfach nicht verstehen, das Kleidung keine Maskerade ist.  Zuallererst hat es den Zweck, dass wir nicht nackig durch die Straßen dieser Welt Purzelbäume schlagen müssen.  Außerdem bietet es uns die Möglichkeit, uns dem Anlass korrekt zu kleiden.  Und nichts anderes wird von einem erwartet:  Es ist eine Respektserweisung.  Individualität wird nicht durch Kleidung verliehen, sondern kommt von Innen.  Der wichtigste und dritte Grund:  Wir verstehen nicht, warum man sich (korrekt) kleidet. 

Gibt es eine Lösung zum Problem?

Nö. War das deutscher Sarkasmus? Wer weiß, aber ist es nicht amüsant mit gängigen Stereotypen zu spielen? MM

Maximilian Mogg

Kreativdirektor & Chefredakteur

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