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4. Juli 2021

Pitti ist tot, lang lebe Pitti!

by

Paul Philipp Schlossarek

Im Artikel zur letzen Pitti Uomo im Januar 2020 What a Pitti’ war noch von „riesigen Menschenmengen auf kleinstem Raum“ die Rede. Die diesjährige Messe lässt sich mit einer kleinen Änderung in ähnlichen Worten zusammenfassen:

 riesigen Menschenmengen  auf kleinstem Raum

Der Titel hätte sich in Anbetracht der trüben Umstände wohl besser für diese 100. Edition gemacht, gepasst hätte er aber sicherlich auch zur vorherigen Messe genauso wie der davor und der davor.

Was gibt’s Neues?

Funktion

Ich lehne mich in meinem jugendlichen Leichtsinn einmal aus dem Fenster und behaupte: Traditionelle Messen sind tot.

Das zeigt sich daran, dass ihre eigentliche Funktion; ‘Informieren, Inspirieren, Interagieren’ zunehmend schneller, direkter und günstiger online stattfindet. 

Das zeigt sich daran, dass für viele Jungunternehmer im Gründungsstadium – für die das Finden von Produktionspartnern, der richtigen Verpackung, potenziellen Vermarktungspartnern und das Knüpfen von Kontakten im Allgemeinen das Wichtigste sind und für die der Besuch einer solchen Messe tatsächlich Sinn machen würde – der Standort der Messe in der Fortezza da Basso zum Sinnbild wird: Fort Knox, es ist kein Reinkommen. 

Das zeigt sich daran, dass die Lösung dafür so offen auf der Hand liegt: man registriert sich als Blogger und muss dazu dann auch nicht einmal die Eintrittsgebühren zahlen. Relevanz durch  Presse, Journalismus, Influencer und Fotografen sind höchstes Gut in der Wahrung vom Status der italienischer Modewirtschaft.  

Und letztendlich zeigt es sich auch daran, dass es eine größere Rolle spielt, auf welchem Event man war, mit wem man fotografiert wurde und was man dabei trug, als die direkte wirtschaftliche Interaktion. Man weiß im Nachhinein noch eher, wie viel man die Tage getrunken hat als welche Aussteller vor Ort waren.

Ich glaube, wir kommen ungefähr auf 20 Negroni und 5 Flaschen Champagner, knapp 5 Liter Wein und 10 Liter Bier.

Cin Cin

Tradition

Giovanni Battista Giorgini, italienischer Unternehmer aus der Toskana, ließ im Florenz der 50er-Jahre Modenschauen abhalten, die sich durch die elegante Präsentation im Giardino Torrigiani in Florenz auszeichneten. Durch ihre kommerzielle Ausrichtung entwickelten sie sich schnell zu einem erfolgreichen Konzept und leisteten einen großen Beitrag zum Aufbau der italienischen Modewirtschaft.

Mit steigender Nachfrage unter Ausstellern, Käufern und Konsumenten erhöhte sich auch die Anzahl der Modenschauen, sodass diese zunehmend im nahegelegenen, ursprünglich 1458 für den Bankier Luca Pitti errichteten, Palazzo Pitti ausgerichtet wurden.

Nachfragebedingt wurde 1972 die erste Pitti Uomo (Pitti = Palazzo Pitti, Uomo = ital. für ‘Mann’) mit Herrenmodenschauen ausgerichtet. Ungleich der Schauen der Damenmode, welche nach Mailand verlegt wurden, blieben die Herren in Florenz und sind seit 1983 im Fortezza da Basso zu finden.

Seitdem hat sich einiges geändert im Hinblick auf Kommunikation, Warenpräsentation und medialer Aufmerksamkeit – der Grundgedanke der traditionellen Verkaufsmesse jedoch kaum. Sicherlich ist es immer schwer, Etabliertes zu hinterfragen, Althergebrachtes zu ändern, neue Wege und Ansätze zu finden, aber oft sind es unvorhersehbare Elemente, die geschehen müssen, um die Maschine abrupt zu stoppen. Entweder setzt man dann einen neuen Kurs oder hängt in der Flaute fest.

Fazit

Pitti Uomo 100, ein Jubiläum, das die Veranstalter nach einjähriger Pause auf keinen Fall erneut verstreichen lassen wollten. 

Bis auf sich-drehende Windspiele mit der Aufschrift 100 in verschiedenen Farben und 100 Flaggen mit Zitaten, wurde – zumindest auf der Messe – wenig Tamtam ums Jubiläum gemacht. Man ist stolz auf das, was geschaffen wurde, scheint sich aber der Verantwortung genauso bewusst zu sein wie dessen, dass eine Reform vonnöten ist. Mit den vergangenen zwei Messeterminen Pitti Uomo 98 und 99 hatte Pitti Immagine, der Dachverband der Pitti Uomo, bereits die Chance, sich dieser medialen Neuausrichtung zu widmen. 

Bereits in den letzten Jahren ist die Besucherzahl auf Grund der zunehmenden Online-Möglichkeiten von rund 30.000 auf zuletzt ca. 22.000 im Januar 2020 zurückgegangen. Die Pitti Uomo 100 zählte nun rund 6.000 Besucher; diese Zahlen sprechen für sich.

Werte dieser Art, bei denen Manager die Hände über dem pomadierten Haupt zusammenschlagen, scheinen wie ein wirtschaftliches Desaster. Sie sagen jedoch nichts über die – gerade in der Mode sehr wichtige – Stimmung aus; und die war durchaus gut.

Weniger Menschen „auf kleinstem Raum“ – das sorgt für Platz und schafft Nähe. Nach der Pandemie ist vieles anders, aber anders heißt nicht schlecht. Die Stimmung war entspannter und es blieb mehr Zeit für ausführliche Gespräche – fast schon eine neue Sachlichkeit.

Nun gilt es, diese Aufbruchstimmung aufrecht zu erhalten und das Momentum nicht zu verpassen: Der Generationenwechsel, neue Wertvorstellungen und die Digitalisierung sind eine Gefahr für die traditionelle Pitti. In alte Muster zurückzufallen, wäre ein großer Schritt in Richtung Nichtigkeit. PPS/YS

Smexy Dream Team goes Pitti 100