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19. Juni 2017

MS Klassische Herrenmode – S.O.S. wir sinken

by

Maximilian Mogg

O Captain! My captain!, so beginnen die ersten Zeilen des Gedichts von Walt Whitman, das durch den Film Der Club der Toten Dichter von Peter Weir sich besonders in unseren Köpfen verfestigt hat.  Whitman beklagt in dem Gedicht einerseits den Tod des Kapitäns des Bürgerkriegs Abraham Lincoln und feiert andererseits den Sieg der Nordstaaten über die Südstaaten und damit hoffentlich eine geeinigte und friedliche Nation.

Auch in der klassischen Oberbekleidung bringen wir täglich über die diversen Medien unsere Trauer über den Tod unserer Stilidole – sei es Fred Astaire, Gregory Peck, Cecil Beaton et cetera perge perge – zum Ausdruck und dennoch schießen die Umsätze in diesem Feld schneller hoch als ein Leibwindin der Badewanne.

Mich stört es ungemein, dass wir einen Heldenkultus rund um diese Herren aufbauen, die ohne Zweifel durch einen tadellosen Geschmack und zeitlose Eleganz überzeugten, aber mitnichten die Propheten waren, wie große Modefirmen sie beklatschen – beziehungsweise missbrauchen.  Das waren auch keine Dandys, die unter anderem mit ihrer Kleidung politische Haltung zum Ausdruck gebracht haben.  Herrgott!  Die haben sich einfach gut angezogen.

Damit fände ich es durchaus angebracht, den Tanz um das goldene Kalb – die Kleidung als Religion – endlich beizulegen.  Gerade an den großen Modemessen dieser Welt sehen wir quasi ausschließlich Herren, die sich der Sekte angeschlossen haben und mit Kleidung versuchen, sich zu etwas Besserem zu machen.  Stattdessen sollte Kleidung als das abgetan werden, was es ist: eine manchmal schöne Verpackung, die im besten Falle als nonverbaler Verstärker des Charakters oder des täglichen Befindens dienen kann.  Wenn aber kein Charakter existiert, den man gern verstärkt hören möchte, ist es Lärm.

Wie Sie sich denken, habe ich als Bekleidungsszenenverfolger und als jemand, der damit sein Geld verdient, kein Interesse daran, mein heißgeliebtes Feld als unwichtig abzutun, aber ich möchte schlicht und einfach daran erinnern, dass Kleidung – frei nach Hardy Amies – nur ein bisschen mehr als Handel, aber keine Kunst ist. MM