Mr Lush schlief – wie soll es im Untergrund Londons auch anders sein – auf dem Fußboden der Spelunke neben einem Krokodil – mit einer außerordentlich schönen Krawatte – und einem Paar Pinguinen – sie stellten sich ihm als Elmo und Gregor vor und wollten auch die ganze Nacht eigentlich nicht aufhören zu plappern.  Alles alter Seemannsgarn … die Geschichten konnten auch nicht das geringste irgendetwas mit Realität zu tun haben.  Lush konnte nicht anders – höflich wie er nun mal ist -,  als den beiden zuzuhören. Selbstverständlich wurde er vom Ozelot Olivier am gestrigen Abend beim Billard bei jedem – wirklich jedem – Spiel in die Wüste geschickt.  Die billigen Drinks, die er zum Trost und der Verdrängung heruntergewürgt hat, helfen beim Aufstehen kaum.  Der Rücken schmerzt höllisch und auch ansonsten geht es ihm wie ein Häufchen Elend. Die anscheinend im Nachhinein aufgebauten Trainingsgeräte überraschen ihn, während er seinen morgendlichen Kaffee – er hofft insgeheim zum Kater-Kontern mit Schuss – von einer der Kolibridamen serviert bekommt, dann auch auch gar nicht mehr.  Im Gegenteil er reagiert ganz trocken.  

Offizier Olivier inspiziert jedes der Geräte und Hindernisse fein säuberlich und als er bemerkt, dass der Retter bereits an der Bar sitzt, um zu „frühstücken“, lässt er sich zu einem Ozelotzwinkern hinreißen.  Da Mr Lush das Zwinkern schwerfällt, prostet er kurz zurück. Es geht auch ansonsten heiß her. Die Spielunke gleicht einem Flugzeughangar mit einem guten Dutzend an tierischen Handwerkern, die aufgeregt hin und her rennen.  Besondere Aufmerksamkeit widmet Lush einer kleinen Taube, die mit übergroßen Kopfhörern hinter einem Tresen die Soundanlage checkt.  Nach dem zweiten Kaffee – tatsächlich mit Schuss – wird Lush sonnenklar, dass es sich um eine Art Zirkeltraining handeln muss und ihm wird schon bei dem Gedanken an Leibesertüchtigung schlecht.  Bereits in Eton hat er sich erfolgreich um jeden Sport gedrückt.  Auf Fragen, warum er denn nicht teilnehmen könne, hatte er immer gute Ausreden parat: „Ich habe mir den Knöchel verknackst.“, „Mir ist tierisch schlecht.“ oder „Wenn ich heute trainiere, bin ich morgen erkältet … ich bitte um Verständnis.“.  Diese Taktik hat auch für den Rest seines Lebens immer gereicht und dementsprechend ist Lush so sportlich wie Abendslipper. Glücklicherweise wurde er bis in die späten Tage von der Fettleibigkeit verschont – jeden Tag dankt er dem lieben Gott für diesen genetischen Umstand.  Kaum zu Ende geträumt, bläst der Ozelot in eine güldene Trillerpfeife und schreit: „Lush, zu Station 1.“ Lush, dem dieser Ton so gar nicht gefällt, schlurft mit Kaffee-Tasse zur ersten Station.  Eine für ihn eher ulkig wirkende Konstruktion aus Bank und Stange, die wahrscheinlich an eine Hantelbank erinnern soll, macht ihm Angst und Bange.  Zwei Seerobbenbabies sitzen schon gespannt neben dem Gerät.  Sein Schlafnachbar, das Krokodil, salutiert ihm bereits im Unterhemd kurz zu und reicht Handtuch und Sportsachen.  Das Grinsen des Reptils gefällt Lush ebenfalls null Komma null. „Lush, Du weißt, was Dich die nächsten sieben Tage erwartet?“ – „Ich habe die Befürchtung, dass „Ja““. Der Ozelot nickt bestätigend. „Dann muss ich ja nicht lange erklären. Die nächsten sieben Tage werden hart … wenn nicht sogar unerträglich, aber die Zeit rennt.  Fangen wir an, mit vier Sätzen Seerobenbabyheben.“ – „Warum bin ich nicht überrascht?!“ – fragt Mr Lush rhetorisch.  Die Seerobenbabies äußern ihre Freude mit einem dem Krokodil gleichenden, sadistischen Lächeln. Die Antwort pfeift jedenfalls ohrenbetäubend.  Lush strippt kurz und springt nicht ganz unbeschwippst in die Trainingsklamotten. Die Seerobenbabies springen parallel an die Stange und Lush legt sich auf die Bank und drückt.  Der Tauben-DJ spielt Vivaldis „Gloria in excelcis Deo“.

 Ja, nach nur dem ersten Satz denkt Lush an Deodorant – in ebenso selber Manier zeigt er der Taube den Mittelfinger.  Die Taube nickt bestätigend. „Arschloch.“, denkt sich Lush tief schnaufend. Er entwickelt eine tiefe Antisympathie gegenüber der Taube, als diese nun auch noch kurz bevor dem zweiten Satz „I’ll make a man out of you“ von Donny Osmond anspielt. Sie hat anscheinend Spaß dran.

Seerobbenbabylifting.

Der Ozelot zählt: „Noch einen für Deine Mutter.“  – „Ich habe meine Mutter nie kennengelernt.“ – Einen für Deine Mutter habe ich gesagt.“  Die Robbenmuttern klatschen rhythmisch ermunternd und schreien: „Ufufufufufu.“ Lush drückt mit voller Kraft. „ … und nun einen für den Offizier!“ Jetzt klatscht das ganze tierische Dutzend und tut es den Robbenmuttern gleich: „Ufufufufufufuf!“ Lush holt alles raus und drückt stöhnend die beiden Robbenbabies gen Himmel. „Ich hasse Dich, Olivier!“ – „Ich weiß … ein anderthalb Minuten Pause!“ Der DJ fliegt schon voller Erwartung zum Musikwechsler – auf diesen Moment in ihrem Leben hat sie bestimmt schon ihr ganzes Leben gewartet – und spielt  „You’re the best!“ von Joe „Bean“ Esposito.

Zwei weitere schwere Sätze warten auf unseren Helden und die Robbenbabies werden sicherlich nicht leichter.

Die Woche vergeht elendig zäh.  Muskeln, von denen Lush nie gewusst hat, dass er sie besitzt, schmerzen Tag ein, Tag aus. Der Ozelot beweist sich als wahrer Tritzer.  Jeden Tag ein anderes Tier, dass Lush erzieht, wie man richtig schleicht oder richtig springt oder richtig läuft oder richtig krabbelt oder richtig wiehert – ja, wiehert – oder richtig fliegt – ach ja, das war besonders lustig – oder richtig klettert oder richtig schwimmt oder richtig turnt oder richtig Spuren liest … und … und … und.  Das ganze natürlich mit der passenden musikalischen Begleitung durch den Tauben-DJ.

Nach den sieben Tagen Quälerei ist der Ruhetag erreicht und Lush sitzt mit dem Ozelot am Tisch.  Auch Flavio Flamingo, der während dem Training unabkömmlich schien, sitzt am Tisch und genießt wie Lush ein Bier.  Der Ozelot kann nicht aufhören seinen Kopf zu schütteln. „Wir brauchen mehr Zeit, Flavio!“ – „Wir haben keine, Olivier!“  Olivier dreht sich – er trägt tatsächlich immer noch seine Offiziersmütze – zu Lush, der die Zeit gerade nutzt, um an seine Ahnengalerie im Schloss seines Onkels zu denken.

Ahnen.

„Ok. Lush! Morgen brechen wir in Mahtos Festung ein.  Ich weiß das überrascht Dich vielleicht sehr.“ – „Nein, überhaupt nicht.“, antwortet Lush, aus seinen Träumen an alte Gemälde gerissen, gehässig.  „Wir haben für diese Art von Humor keine Zeit, Lush!  Morgen in den Abendstunden!“ – „… und wie soll ich in die Festung kommen?“ Offizier Ozelot dreht seinem Kopf zum Irokesenkolibri:  „Wie viele Kolibris haben wir, Flavio?“ MM

Maximilian Mogg

Kreativdirektor & Chefredakteur

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