Die Zibraffenzwillinge Kiki und Kuku – mittlerweile kann Lush die beiden halbwegs auseinanderhalten – stehen in Lushs Wohnung hinter dessen verstimmtem Klavier, während der verarmte, mittlerweile kriminelle Tierretter mit dem Ozelot Olivier, der an diesem Freitag früher seinen Buchladen geschlossen hat, „Heart and Soul“ im Duett spielt.

Kiki und Kuku schwingen wie Metronome ihre Köpfe von links nach rechts.  Eine traute, ja fast familiäre Stimmung.  Vorher gab es ein paar Scones und Fortnum & Mason-Tee, die Olivier von seinem Weg von der Arbeit mitgebracht hat.  Alles wäre perfekt gewesen, ließe nicht auf einmal ein rhythmisches Erdbeben die Wohnung erschüttern.  Von draußen ertönt Preußens Gloria; der Marsch wird immer bedrohlich lauter.  Alle stürmen zum Fenster gen Straße und strecken ihre vier Köpfe hinaus!

„Eine Parade!“, schreit Kiki durch den Lärm.

„Das ist keine Parade! Das ist die Feministenpatrouille!“, brüllt der Ozelot zurück.

Vor Lushs Augen gehen mindestens 1000 Frauen im strammen Gleichschritt durch die Straßen Londons.  Kuku ist außer sich vor Freude und rennt durch die Haustür raus. Lush kriegt das viel zu spät mit und brüllt: „Nicht!  Kuku, Dich darf doch keiner erwischen!“ Die Zibraffe hört ob des Lärms nichts. „Hinterher! Wir müssen sie zurückholen!“

Lush und Olivier springen auf Kiki und reiten hinterher.  Auf der Straße angekommen, schauen Sie gleich nach links und rechts und sehen auch sofort Kuku … ihr Kopf ragt aus der Menge.  Sie war nicht weit gekommen und scheint damit beschäftigt zu sein, einzelne Soldatinnen zu befragen.  Die Damen scheinen die Fragen gerne zu beantworten.

Lush – heute in einem fabelhaften navyfarbenen Doppelreiher mit weißem Hemd und navy Krawatte; er macht eine königliche Figur – und Olivier reiten auf Kiki im schnellen Trab ein wenig näher an die entflohene Zibraffe.  Als sie auf einer Höhe sind, winkt Lush kurz zur Zibraffe; sie bemerkt ihn und dreht ihren Kopf.

„Kuku, komm doch wieder hoch! Hier ist es gefährlich!“, meint er mit vorgehaltener Hand – er ist sich der Gefahr bewusst … die Patrouille ist berüchtigt.

Sofort meldet sich eine Marschierende: „Warum geben Sie dem Mädchen Befehle?“

„Ehm…!“

Eine andere: „Meinen Sie, das steht Ihnen als Mann zu?“

„Ehm … nein, aber … !“, Lush kommt ins Stocken.

Olivier schaltet sich helfend ein: „Wir müssen noch ein Musikstück beenden.“

„Das Mädchen kann eigene Entscheidungen treffen!“

„Zweifelsohne.  Entschuldigen Sie, dass ich mich eingeschaltet habe.“ Die Schlacht war verloren. Ein anderes Schlachtfeld muss her. „Warum patrouillieren Sie eigentlich!“

„Warum sollen wir nicht patrouillieren dürfen?“

„Das habe ich nicht damit gemeint. Ich will ja nur wissen, warum.“, Lush wirkt entgeistert.

„Warum sollen wir das nicht dürfen? Steht Ihnen diese Frage zu?“

„Aber mit welchem Zweck?“

„Das geht Sie nichts an!“

Lush sieht keine Chance hier die Auseinandersetzung zu gewinnen.  Das Problem ist, dass vorne am Ende der Straße schon die Polizei mit Hunden und Blaulicht wartet, um die Patrouille zu eskortieren, und Lush bekommt es immer mehr mit der Angst zu tun.

„Kuku! Mitkommen! Jetzt!“, schreit Kiki.  Kuku schaut auf und bricht aus der Gruppe aus.  Die Patrouillierenden nehmen das sofort persönlich und tröten zum Angriff.  Kiki wiehert und stellt sich auf die Hinterbeine und galoppiert mitsamt Lush und Olivier gen Polizeieskorte los. Kuku ist gleich dahinter.  Von hinten die Amazonen im Anzug.

„Was machst Du??? Wir galoppieren in die Höhle des Löwen!“

„Wir springen drüber!“

Olivier klammert sich schon jetzt an Lush.  Lush wiederum an den Hals der Zibraffe.  Die Polizei brüllt schon durch die Lautsprecher:

“Anhalten! Sofort anhalten!”

“Anhalten oder wir schießen!”

“Letzte Warnung!”

Ein Warnschuss geht vor die Hufe von Kuku.  Sie und Kiki rennen unbeirrt weiter und springen im hohen Bogen über die Polizeiautos.  Weitere Schüsse fallen und verfehlen die Fliehenden.  Sie landen auf allen Vieren und rennen noch schneller davon.

“Erste Seitenstraße gleich rechts rein. Da ist ein Bunker mit Zugang zu den unterirdischen Gängen Londons!”, befiehlt der Ozelot.  Sofort wird abgebogen.  Keiner der Polizistenhunde oder Polizisten kommt nach.

Lush ist im Sprung über die schießenden Beamten aufgefallen, dass die Polizeihunde sich Notizen machten und einer sofort sein Funkgerät nahm und irgendetwas in die Muschel brabbelte.  Wenn Sie es vorher noch nicht waren, sind sie spätestens jetzt „Gesucht!“. MM/EG/JHS

Maximilian Mogg

Kreativdirektor & Chefredakteur