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3. Juli 2020

Mr Lush S3E2 – Take me up!

by

Maximilian Mogg

Mr Lush, der vor kurzem in den Rang eines Offiziers der Infanterie der Kolibris aufgestiegen war, sitzt zusammen mit Kiki, Kuku und Olivier im Teurostar nach Paris.  Zum Zeitpunkt der Beförderung fragte er noch den Ozelot: „Sag‘ mal, Olivier: Hatten die Kolibris eigentlich schon immer eine Infanterie? …das kommt mir komisch vor.“ Mr Lush hatte zugegebenermaßen wenig Ahnung vom Militär.  „Nimm’s einfach an und hinterfrag‘ nicht immer alles.“, entgegnete der Ozelot und schüttelte den Kopf über die Zeitung gebeugt.  Jedenfalls trägt Lush das Abzeichen stolz im Reversknopfloch seines mittelgrauen Doppelreihers mit Prince-of-Wales-Muster und fliederfarbenem Überkaro.  Die Reise vergeht wie im Flug.  Die vier spielen Bridge, wobei Kiki und Lush gegen den Ozelot und Kuku auch nicht nur einen Stich machen können.  Dies wiederum führte im Tunnel zu einem Wutanfall Kikis.  Eine Fensterscheibe erlitt durch einen Huf schweren Schaden, ein Feuerlöscher wurde abgerissen und Mr Lush zierte ein blauer Fleck am Oberarm.  Die Situation konnte nur mit Champagner für Lush und den Ozelot und Cola für die beiden Zibraffen geklärt werden – Lush vermied es für gewöhnlich tunlichst, den beiden Zucker zu geben, aber ab und zu heiligt der Zweck die Mittel.

Grund der Reise nach Paris war für Lush ein wenig Urlaub – nach dem Wiedersehen mit seiner Ex-Frau bräuchte er das, meinte der Ozelot.  Zwei Doppelzimmer im Kitz an der Place Condôme wurden über die schnellste Brieftaube der Welt durch Olivier organisiert.  „Wahrscheinlich wieder eine seiner auftaubaren Hotelkatzenliebschaften! …irgendetwas muss der Kater drauf haben, was ich nicht kann.“, dachte sich Lush, als die vier mit leichtem Gepäck und leichten Frühlingsanzügen durch das sonnige Paris in Richtung Hotel schritten.

Am Kitz angekommen steht bereits ein dicker Pagen-Tapir mit einem goldenen Gepäckwagen vor der altehrwürdigen Drehtür. Die vier Musketiere schmeißen ihre Weekender – alle selbstverständlich von Goliard (Überbleibsel von Lushs Cousin dritten Grades, Mortifer, die irgendwie kurz vor dessen Ableben aus der Erbmasse verschwanden) – theatralisch galant auf den Wagen.  Es wurde sich rasch in die ebenerdige Tagesbar begeben, wo Olivier bereits von einem elegant gekleideten, schnurrenden, schwarz-weißen Kätzchen mit schwingenden Schlüsseln in der linken Tatze begrüßt wurde.

„Kann das erotische Theater nicht auf einem Hotelzimmer stattfinden?!“, fragt sich der neidische Lush, während der Ozelot dem Fräulein drei weiche Wangenküsse gibt und ihr für das Diamentencollier Komplimente macht.  Das Kätzchen – namens Mlle Kitaux – errötet, schlägt Olivier spielerisch und faucht ein wenig.  Bevor das Vorspiel seinen Höhepunkt erreicht, räuspert Lush sich kurz und stellt sich vor:

„Darf ich mich vorstellen… Lush, mein Name!  Darf ich ebenfalls vorstellen… meine Freunde Kiki und Kuku.“

„Ah… enchantée!“, erwidert Mlle Kitaux – ein wenig aus Ihrer Traumwelt geworfen – und erwidert den Tatzenkuss Lushs mit kleinem Knicks.  Sie kramt kurz in ihrer kleinen nachtblauen Handtasche von Herpès und reicht Lush einen Schlüssel zur Präsidentensuite und den beiden Zebraffen Schlüssel für ihr Doppelzimmer – „Mit extralangen, getrennten Betten“, erklärt Mlle Kitaux zwinkernd.  Mr Lushs Neid mutiert beim Anblick des Schlüssels zur Suite zu überschwänglicher Dankbarkeit – hatte er doch so lange schon nicht mehr in einer Präsidentensuite hausen dürfen.  An seine letzte Nacht in einer solchen Suite hat er eher unschöne Erinnerungen – er denkt an seine kurze und unerfolgreiche Zeit als Gigolo – ständig geriet er an Gigolo-Prellerinnen. Ja, liebe Leser, auch so etwas gibt es!  Ab und an kam er zu Nächten, in denen er zumindest am Fußende der übergroßen Betten einer Präsidentensuite schlafen durfte.

Ein kurzer Pfiff in eine kleine güldene Trillerpfeife von Mlle Kitaux unterbricht Lushs Tagträume.  Drei brave Golden Retriever in Hoteluniformen – mit internationalen Tageszeitungen im Maul – kommen um die Ecke gerannt.  „Aux chambres! Tout de suite!“, befiehlt das Kätzchen in energischem Ton.  Die Golden Retriever rennen zum Gepäckwagen und portieren die Taschen zu den Zimmern.

„Sie sind meine Gäste! …Machen Sie es sich doch in der Tagesbar bequem…“, schlägt Mlle Kitaux mit französischem Akzent den Zibraffen und Lush vor. „…während ich diesem kleinen Exoten sein Zimmer vorführe!“, sie lacht und nimmt den Ozelot energisch an die Tatze.  „Immer umwerfend Euer Service, ma chérie!“, antwortet Olivier und winkt dem Rest der Gruppe zum Abschied kurz zu; Lush rollt nur die Augen – und winkt den Barmann zu sich.

Mr Lush fühlt sich nach dem zweiten French 75 schon deutlich besser.  Kiki und Kuku vergehen sich derweil an den in Trüffelöl gerösteten Walnüssen und ordern eine Cola nach der anderen.  Lush, der weiß, dass diese Menge an Zucker und Koffein durchaus zu einem Problem führen könnte, fasst den Entschluss, seine Sorgen mit weiterem Alkohol nach hinten zu verschieben und fragt nach dem Kellner.

„Einen Pick-Me-Up Ihrer Wahl, bitte!“

Der Kellner, ein Marabu, der nach Lushs Einschätzung eher wenig bis gar kein Englisch beherrscht, nickt eifrig und rennt kurz hinter den Tresen, nimmt das Telefon in die Hand, telefoniert – so vermutet Lush zumindest, denn sein Französisch ist keinen Deut besser als das Englisch des Kellners – und murmelt irgendetwas in den Hörer.  „In five minutes!“, erklärt er Lush kurz nach dem Auflegen mit Flügeln und Füßen. Lush – ein wenig verwundert – denkt sich nichts groß weiter dabei und schlürft an seinem Cremant-für-Zwischendurch.

Drei Minuten später kommt der Delphin-Concierge hereinspaziert und bittet Kiki, Kuku und Lush ihm zu folgen.  Er schreitet mit ihnen durch die Drehtür und weist auf einen schwarz-silbernen Coys-Moyce, der just im Moment vorgefahren ist.  „At your service!“, meint der Delphin, verbeugt sich kurz und begibt sich wieder durch die Drehtür zurück zum Empfang.

Der Nabelschwein-Chauffeur – er trägt ein schwarzes Cape und eine Chauffeursmütze – reißt die Fahrertür auf, springt zu den Türen des Fonds und winkt die Mitfahrer zu sich.  Als er erkennt, dass zwei der drei Gäste Probleme damit haben werden, sich nicht den Hals zu verrenken, öffnet er zusätzlich das Schiebedach.  Lush, den mittlerweile sowieso nichts mehr wundert, zuckt mit den Schultern und spricht zu Kiki und Kuku: „Dann mal sehen, wohin es geht!“

Nachdem man sich es in der Passagierkabine gemütlich gemacht und Lush die gekühlte Flasche Mollinger geöffnet hat, fährt das Nabelschwein durch den Pariser Frühlingsabend Richtung Rive Gauche.  Kurz nach dem Überqueren und Bestaunen der Seine, fragt eine der vollkommen aufgedrehten Zibraffen: „Wo fahren wir eigentlich hin, Lush?“ Lush gibt die Frage in nuschelndem Französisch an das Nabelschwein weiter.  „Tour Eiffel… Take me up, oui?!“ Lush nickt, lehnt sich zurück und übersetzt kurz für die Zieraffen.  Früher hätte ihn so etwas definitiv zum Lachen gebracht.  Das erinnert ihn an eine Szene in Eton: Lush hatte sich beim Weihnachtsoratorium nicht mehr vor Lachen einbekommen können, als er ein Eichhörnchen am Fenster gesehen hatte, das vor Schreck bei Beginn der Musik vom Fenstervorstand gefallen war.  Dies wiederum wurde vom Schulleiter fehlinterpretiert und das Orchester fühlte sich veräppelt, weswegen – nebst Prügel durch die älteren Kommilitonen – ein Schularrest verhangen wurde.  Für Lush war zweiteres weniger ein Problem – wollte er doch zu Weihnachten sowieso nicht zu seiner Familie nach Hause.

Am Eiffelturm angekommen, öffnete der Chauffeur rasant die Türen und gab Lush noch ein Glas Champagner to go mit – auf mysteriöse Weise war die Flasche nur noch zu einem Drittel voll.  Genauso schnell wie der Chauffeur die Türen geöffnet hatte, war er dann auch wieder weg und die drei Musketiere näherten sich springend und torkelnd dem Turm.  Ein Tukan, der das Fahrzeug bereits gesichtet hatte, winkt die drei an der Schlange vorbei direkt in den nächsten gläsernen Lift.  Lush, der sich jetzt langsam gestehen muss, dass er aufgrund der Dröhnung von nun an nicht mehr für sein eigenes Verhalten und das der beiden Zibraffen verantwortlich gemacht werden kann, genießt den schummerigen Ausblick über die romantisch erleuchtete Hauptstadt.  Kiki und Kuku – bei beiden kickt das Koffein nun so richtig – können nicht aufhören, mit den Hufen zu trippeln und wissen gar nicht, wohin mit ihrer Energie.  Als der Lift das oberste – komischerweise menschenleere – Aussichts-Plateau erreicht, rennen die beiden, wie von der Tarantel gestochen, los und Lush, ganz verdattert, weiß gar nicht, wie er reagieren soll.  Sein Gehirn kriegt nur irgendetwas à la „Nicht so schnell!“ zusammen.  

Als er dann erkennt, dass die beiden bereits das Außengerüst zu erklimmen versuchen, schießt auf einmal Adrenalin in seinen Körper.  „Seid Ihr wahnsinnig?!“, schreit er ihnen hinterher; die Zibraffen lachen mit diebischer Freude.  Lush hatte in seinem anhaltenden Rausch ganz vergessen, dass er Höhenangst hat, und als er dann den Blick nach unten wagt, werden seine Knie weich wie warme Butter.  Kiki und Kuku klettern derweil immer höher – und Lush muss handeln.  Er stellt das Glas auf den Boden und fängt an, Schrittchen für Schrittchen hinterherzuklettern.  „Wo ist der Ozelot, wenn man ihn braucht?!“, denkt sich der Trunkene, der selbstverständlich noch keinen Plan hat, was er tun wird, wenn er die beiden einholt.  Doch damit noch nicht genug Stress… Kuku ruft: „Guck‘ mal, Lush!“  Lush krallt sich am Geländer fest und blickt nach oben.  „Mal sehen, wofür dieser rote Knopf ist…“ Lush erkennt mit mehr oder weniger scharfem Blick, dass Kuku tatsächlich im Begriff ist, einen roten Knopf zu drücken, der alles andere als so aussieht, als solle eine Zibraffe ihn betätigen – quod vide „Nur im Notfall einschlagen“.  Zu spät!  Die Spitze des Eiffelturms beginnt sich zu bewegen, ein 10-sekündiger Countdown wird über Lautsprecher angezählt,  Triebwerke werden gezündet… und Lush denkt nur noch an zwei Dinge: 1. Das kann nicht wirklich wahr sein.  2.  Festhalten!  Die Spitze des Eiffelturms startet gen Pariser Frühlingshimmel… und alle halten sich mit all ihrer Kraft fest.

Olivier betritt verstrubbelt, nur mit einem Hotelbademantel bekleidet und einem Cognac in der Pfote den Balkon der Suite des Kitz. Mlle Kitaux ist währenddessen im Bad.  Der Ozelot möchte einmal kurz durchatmen – Gott… was er für seine drei Gefährten nicht alles tut! Er holt tief Luft und schließt die Augen.  Der abendliche Duft von Paris im Frühling hat sich nicht verändert – genauso wenig wie der des Cognacs in seiner Rechten.  Er nimmt einen Schluck und öffnet die smaragdgrünen Augen.  Als er die Spitze des Eiffelturms im Senkrechtflug gen Pariser Himmel emporsteigen sieht, beginnt er kurz zu blinzeln, schaut auf den Schwenker in seiner Rechten – und schnuppert am Inhalt.  Er schließt nochmals seine Augen und holt tief Luft.  Ja, der abendliche Duft von Paris im Frühling hat sich wirklich nicht verändert – genauso wenig wie der des Cognacs in seiner Pfote.  Olivier hofft, dass, wenn er die Augen wieder öffnet, die Spitze des Eiffelturms genau da ist, wo sie eigentlich sein sollte.  Er öffnet die Augen – und schreit in Richtung Bad: „Kitty, WO IST LUSH?!“ MM/JHS/YS

Sommerferien 2020

Sehr geehrte Damen und Herren, 

 

von Sonntag, dem 16.08.2020, bis einschließlich Montag, den 07.09.2020, bleibt das Atelier geschlossen. Wir freuen uns darauf, Sie im September wiederzusehen.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr Maximilian Mogg