Mr Mahtos Zibraffen

Montagmorgen … Mr Lush ist schon längst wach.  Ungewöhnlich, da er ansonsten alles andere als ein Frühaufsteher ist.  Heute ist er jedoch voller Motivation: er würde den Sammler exotischer Tiere, Mr Mohan Mahto, besuchen.  So knöpft er bereits um 6:00 Uhr morgens sein fliedergestreiftes Hemd zu, springt in seine Lieblingsflanellhose, streift sein zigarettenfiltergelb-braunes dreiknöpfiges Houndstooth-Jackett über, knotet ein hellbraunes, weiß getupftes Halstuch aus Leinen um seinen Hals, schlägt die Haustür auf und springt in Windeseile die Stufen des Treppenhauses hinunter.

Er steht für circa eine Stunde und 20 Minuten in der Tube und fängt an, sich den fantastischen Zoo von Mr Mohan Mahto vorzustellen.  Am Ziel angekommen, steht er allerdings zunächst einmal mitten in der Walachei … kein Baum – nirgendwo; nur eine lange Straße Richtung London und dieser hohe Hügel mit dem Fort auf dem Gipfel.  Die letzten vier Stationen muss er den Bus nehmen.  Lush erblickt ein Schild: Mohan Mahto – hier entlang!  Lush watet durch den Morast Richtung kleines Fort und meint schon, Affengelächter und einen Elefanten trompeten zu hören.  Am Tor angekommen, nimmt er den übergroßen Türklopfer mit beiden Händen und lässt ihn zweimal mit Schwung gegen das riesige Tor hämmern.  Ein kleiner Augenschlitz öffnet sich: „Wer sind Sie?“ – meinen die braunen Augen, mit indischem Akzent.  „Lush.  Ich hatte letzten Samstagabend angerufen und mein Kommen angedroht.“  „Ah ja, ja… kommen Sie herein, Herr Lush!“  Kurzes, kräftiges Händeschütteln.  Mr Mahto ist ein wenig kleiner als Lush, trägt eine klassische indische Tracht in Eierschale und einen mittellangen, schwarzen Seitenscheitel.  Lush bemerkt schnell, wie elegant er sich bewegt – er schwebt quasi. „Darf ich Ihnen einen Tee bringen?“ – „Danke, nein.  Ich würde mich gerne umschauen!“ – sagt Lush voller Neugier … er kann es wirklich kaum erwarten.  „Sicherlich!  Ich zeige Ihnen alles!“

Auf dem kreisrunden Vorplatz stehend fällt ihm erst auf, wie riesig das Fort ist.  Ein endloses Meer an modernen, graustählernen Hangars liegt vor ihm.  Ein gläserner Aussichtsturm mit Klettergerüst – für offensichtlich Schimpansen – sticht ins Auge.

Mr Mahto tut wie gesagt und beginnt, Lush durch die einzelnen Gehege zu führen.  Sie fangen an im Affengehege und Mr Lush staunt nicht schlecht, als er gleich vier Silberrücken sieht.  Weiter geht es über das Giraffen-, Elefanten- und zum Gepardengehege.  Nichts außer makellosen, perfekten, wunderschönen Tieren.  Stattlich, stolz und stark! „Was ist Ihr Kriterium bei der Auswahl der Tiere?“, fragt Lush den stolzen Herrn. „Absolute Schönheit und Rarität!  Sie leben hier wie im Paradies und bezahlen nur mit ihrer Makellosigkeit … und helfen mir natürlich bei meiner Zucht von Supertieren.“ „Verstehe!“ Mr Lush zweifelt mittlerweile, ob das alles überhaupt irgendeinen Berührungspunkt mit Legalität hat.  Sie besuchen noch über zehn weitere Gehege, Volieren, Aquarien und Terrarien, bevor sie sich langsam zurück zum Vorplatz bewegen.

„Und was ist da drin?“ – fragt der nach Neuem Gierende und zeigt mit seinem Zeigefinger auf ein lila Zelt, das fernab von allen Gehegen steht. „Kiki und Kuku.“ „Was oder wer sind Kiki und Kuku?“ „Zwei junge Giraffenzwillinge.“, antwortet der Sammler blitzschnell.  „Okay … und warum sind die nicht bei den anderen Giraffen?“ – „Sagen wir so: Die anderen Großtiere mögen nicht, wie sie aussehen.“ – „So … darf ich Sie zum Ausgang führen?  Sie haben ja meine Nummer.  Wenn Ihnen ein Suchauftrag in den Sinn kommt, klingeln Sie einfach durch.“ … „Darf ich die beiden Giraffenzwillinge noch sehen?“ … Mr Mahto seufzt schwer: „Ja, in Ordnung. Kommen Sie mit!“  Mahto bewegt die Zeltplane zur Seite und lässt Lush den Vortritt.

Lush traut seinen Augen kaum: da liegen zwei – für Giraffenverhältnisse – kleine Giraffen mit schwarz-weißem Zebramuster auf dem kalten, nassen Boden und schauen ihn mit großen, verweinten Augen an.   Lush geht kurz in sich und fragt den Sammler – er versucht dabei nicht zornig zu wirken:  „Was ist den beiden passiert?“ – „Lange Geschichte!  Darf ich Sie nun zum Ausgang führen?“ – „Stehen die beiden zum Verkauf?“ – „War ein Fehlgriff.  Sind schon weiterverkauft an ‘ne Freak Show.“, meint Mahto.

Mr Lush kann es nicht fassen. An eine Freak Show?  Urplötzlich eilt Mahto wie von der Tarantel gestochen aus dem Zelt; er hat irgendetwas gesehen … „Ich bin gleich wieder bei Ihnen, Herr Lush!“.  Ein Laster mit neuen Tieren hupt eine gefühlte Millisekunde später und Mahto drückt beide Seiten des Tors langsam auf.  Mr Lush schaut sich um, die Plane des Zelts steht noch offen … draußen steht eine altes, gelb-schwarzes BMW mit zwei Beiwagen, die Schlüssel scheinen zu stecken.  Er zögert nicht lange, stapft zurück ins Zelt, macht die Giraffen von ihren Leinen los und sagt: „Ihr kommt in keine Freak Show!  Ihr kommt mit mir!  Schon mal Motorrad gefahren?“

„Bisher nur Chopper!“, antwortet die eine und zwinkert.  Alle verstehen, dass jetzt weder Zeit für Diskussionen und Erklärungen noch Witze ist.  Lush wirkt nicht sonderlich verwundert, dass die beiden anscheinend sprechen können – ahnte er es doch bereits.  In der Ecke des Zelts steht eine Kiste mit der Aufschrift Motorrad.  Lush tritt das Schloss auf und sie stülpen sich die badekappenähnlichen Ledermützen und die antiken Motorradbrillen auf Kopf und Nase.

„Auf drei rasen wir aus dem Zelt und springen auf das Motorrad mit den zwei Beiwagen. Du links, du rechts! Ich fahre!“, flüstert Mr Lush den beiden Mädels ins Ohr.  Sie nicken zur Bestätigung.

„Drei!“, alle laufen mit riesigen Schritten zum Motorrad, die Zibraffen springen in die Beiwagen, Lush hinter den Lenker, zündet den Motor und lässt dabei kurz das Hinterrad im Morast durchdrehen.  Der schlafende Affe auf dem Aussichtsturm dreht sich, vom aufheulenden Motor erschreckt, um und schreit auf einmal wie am Spieß!

Mr Mahto dreht sich rasant zu den drein um – Mr Lush, Kiki und Kuku sind bereits mit Hochgeschwindigkeit Richtung offenes Tor unterwegs.  Mahto springt theatralisch zur Seite. Jede Bemühung, das schwere Tor noch zu schließen, wäre vergebens gewesen.  Auf dem Boden liegend, sich den beim Sprung verletzten Knöchel haltend, brüllt er: „Holt sie zurück!“ … und er schlägt auf einen großen, roten Alarmknopf neben dem Tor!  Ein stählernes Tor vor dem Geparden-Gehege öffnet sich!   Ein Adler mit großer Stereoanlage um den Hals steigt aus der Voliere schlagartig empor.  Rossinis Wilhelm-Tell-Ouvertüre ertönt in ohrenbetäubender Lautstärke.

Die drei Geparden beschleunigen hoch.  Die Verfolgten haben höchstens 30 Sekunden Vorsprung.   Lush holt alles aus der Maschine raus – die Zylinder hämmern markerschütternd.  Das letzte Mal ist er in der Jugend Moped gefahren … ein Glück, dass das ein Dreirad ist und er nicht umfallen kann.  Bis zur letzten Bahnstation müssten sie es schaffen, so weit würden sich die Tiere nicht trauen, ohne das Risiko einzugehen, von den Behörden eingefangen zu werden und zu ihrer Herkunft befragt zu werden, denkt er sich.   Die Geparde holen auf.  Es fehlen ihnen noch circa 50 Meter.  Der zur Jagd motivierende Adler fliegt schon wie ein Polizeihubschrauber über ihnen.

„Was machen wir, Mädchen???“ Mr Lush schwitzt Blut und Wasser.  Er weiß gerade nicht mehr, was er sich eigentlich dabei gedacht hat, aus Mitleid von einem wahrscheinlich gefährlichen Tierfanatiker zwei Giraffen zu entwenden.

25 Meter Abstand.

„Wie weit ist es noch bis zum rettenden Ufer?“ fragt die linke.

„Eine gute Meile!  Bei der derzeitigen Geschwindigkeit sicherlich keine Minute!“

„Dann fahr einfach noch schneller! Die werden bestimmt gleich müde!“

15 Meter.  45 Sekunden bis zum Ziel.

Mr Lush und die Zibraffen machen sich ganz klein und stromlinienförmig.  Sie gewinnen selbstverständlich keine Geschwindigkeit.

10 Meter.  20 Sekunden bis zum Ziel.

Man hört das schwere Keuchen der Geparde.  Alle drei Verfolgten schicken schon Stoßgebete in Richtung bewölkten Himmel.  Die Bahnstation ist schon in quasi greifbarer Nähe.

5 Meter.  10 Sekunden.  Lush ist sich sicher, dass er eines grauenhaften Todes sterben wird.  Entweder Schädelbasisbruch wegen Sturz, zerfleischt durch die Raubkatzen oder zu Tode gefoltert von den vier Silberrücken.  Alles hatte er sich anders vorgestellt.

3 Meter.  Die Geparde setzen zum Sprung an.  Zibraffe rechts trifft einen der Geparden beim Keilen mit ihrem Huf und das Dreigespann der Raubkatzen kollabiert wie bei einem Massencrash der Tour de France.

Die Motorradfahrer entkommen.  Der Adler dreht ab, nachdem sie die Tube-Station erreicht haben und die Treppe runter Richtung Gleise gelaufen sind.  EG/MM

Maximilian Mogg

Kreativdirektor & Chefredakteur

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