Es ist eine tiefschwarze Nacht und Mr Lush befindet sich im rasanten Sink- beziehungsweise Sturzflug auf das Fort des Mr Mahtos.  Die 100 Kolibris, die durch kleine Geschirre miteinander in Form eines Gleitschirms verbunden sind und ihn in der Luft halten, stöhnen und ächzen bei der Traglast.  Seit gut zwanzig Minuten halten sie ihn schon über den Wolken. „Wessen tolle Idee war das denn?“, ächzt der eine.  – „Dafür habe ich mich nicht angemeldet!“, stöhnt der andere.  Mr Lush hat derweil ganz andere Gedanken … ihm bekommt die Höhe gar nicht und seine Kräfte neigen sich dem Ende zu … und ähnlich wie den Kolibris wäre es ihm lieber, wenn er wieder festen Boden unter den Füßen hätte. 

 

Gestartet waren sie vom Dach Lushs Obergeschosswohnung in London, kurz nachdem dieser seine schwarze Uniform übergestreift hatte. Er hatte den Rat des Ozelots wohl zu ernst genommen, als dieser ihm in der Nacht zuvor den Befehl gab, er solle beim Anflug auf das Fort schwarze Kleidung tragen, um so in der Nacht nicht aufzufallen.   Als der Ozelot ihn auf das Dach in einem doppelreihigen Smoking mit Opera Pumps treten sah, schlug Olivier seine rechte Pfote gegen die Stirn: „Lush, du bist ein Idiot! … huh … egal! Halt Dich fest und schnall’ Dich an! … und denk’ an das, was ich gesagt hab’! Darf ich Dir Deinen Begleiter vorstellen? Ingo Messerschnitt!“  Lush, der zunächst damit kontern wollte, dass ein schwarzer Dinner Suit das – wenn richtig getragen – wohl unauffälligste Kleidungsstück ist, das ein Herr tragen könnte, war ganz entzaubert, als er das Antlitz seines Begleiters sah:  ein kleiner, schwarzer Marder.  „Ingo!“, spricht der kleine Marder, der ruckzuck über Bein, Rücken und Brust auf Lushs linke Schulter geklettert war.  „Lush!“, antwortet unser Held und schüttelt die Kralle des Frechdachses.  „Ingo wird es sich während des Flugs in Deiner Sakkotasche bequem machen. … und so … jetzt ab dafür!  Ich muss zu den anderen eilen! Du kennst Deinen Plan!“ Während die Kolibris wie ein Helikopter schon langsam anfingen, die Motoren zu starten, wurde Lush von zwei Leoparden angeschnallt und bekam zwei Ringe in die Hand gedrückt! „Festhalten!“, befahl der eine, während der andere schrie: „Abflug!“


Das hatte jetzt alles keine Relevanz mehr, als Ingo anfängt zu schreien:  „Mayday! Mayday!  Wir verlieren Kolibris!“  Lush blickt auf und tatsächlich verlieren sie rasant an Höhe, weil ein Kolibri nach dem anderen schlappmacht und vor Erschöpfung die Flügelchen baumeln lässt. Lush beißt die Zähne aufeinander: Er sieht die dunkle Festung schon auf sich zubrettern.  Ingo hält sich seine kleinen Pfötchen vor die Augen.  „Ich hoffe, Deine Tasche hat einen Airbag!“, sagt Ingo in Terence-Hill-Manier … „Ich hoffe, das werden nicht Deine letzten Worte!“, antwortet Lush à la Bud Spencer.  Die Geschwindigkeit wird unerträglich brisanter und die beiden nähern sich unweigerlich dem Panther-Gehege – anders als geplant, nämlich dem Vorhof.  Lush macht es dem Marder gleich und rollt sich in Embryonalhaltung. Nur noch wenige Sekunden und … krach.  Lush landet eher unsanft in einem Busch im Gehege, der riecht wie Katzenklo.  Ingo Messerschnitt hat sich anscheinend nichts getan und entwindet sich rasch aus Tasche und Busch und überprüft die Umgebung.  Sie scheinen Glück gehabt zu haben … es wirkt ruhig.  Als die Lage rein zu sein scheint, fragt Ingo flüsternd Lush, der sich immer noch stumm schreiend mit beiden Händen seinen Podex hält: „Geht’s Dir gut?“ Lush nickt traurig schmerzverzerrt – auch weil er nicht genau weiß, wie er das große Loch am Hosenboden seines Anzugs aus altem Kaschmir-Barathea in Zukunft erklären soll; ganz abgesehen davon, dass er sich nicht sicher ist, ob er den heutigen Abend überleben wird.  

Er richtet sich langsam auf und ist erquickt, als er feststellt, dass keiner seiner Knochen gebrochen zu sein scheint und dass die schwächelnden Kolibris sich zwischenzeitlich alle vom Acker gemacht haben.  Ingo klettert wieder an Lush hoch und macht es sich in der Tolle des Herrn gemütlich.  Der Mann im Smoking nimmt einen tiefen Atemzug und fängt an zu schleichen, so wie es der Waschbär ihm im Training gezeigt hat … und sieht schon das rettende Tor des Geheges.  Schrittchen für Schrittchen nähert er sich, während der Marder sich in seiner Kopfhaut festkrallt.  Erfolgreich pirschend am Tor angekommen und das Vorhängeschloss mit einem Dietrich fast geöffnet, niest der Marder ächzend laut – wahrscheinlich reagiert er auf die matte Pomade Lushs allergisch.  Stille! Nichts als Stille! Als sich Lush erschrocken umdreht, macht er sich unweigerlich beim Anblick eines erwachenden Panther (fast) in die Hose.  Jetzt muss er sich beeilen! Schnell noch mal drehen und dann stochern – so wie es Olivier ihm gezeigt hatte – … und „Klack!“ das Schloss springt auf.  Jetzt nur noch flott die Kette von dem Tor entfernen.  Der Panther hat ihn bemerkt und springt wild auf.  Lush fieselt die Kette aus den Gitterstäben und öffnet das Tor … und schlägt es noch, kurz bevor ihn der in großen Sprüngen heranspringende Panther erwischen kann, zu.  Das Vorhängeschloss bringt Ingo mir-nichts-dir-nichts von außen an.  Ein weiterer, kurzer Augenblick der Stille.  Der Panther, der, wie es Lushs Intuition nach scheint, nicht sprechen, aber verstehen kann, schaut Lush tief in die Augen. Lush legt seinen Zeigefinger auf die Lippen und macht: „Zscchhhht! Wir sind hier um Euch zu befreien!“  Der Panther nickt und macht Sitz.  Er hatte verstanden.  Lush atmet innerlich tief ein und aus.   Dann schaut er sich um; der Marder war schon vorgerannt und winkt ihn zu sich.  „Ich hab’ den Kasten gefunden. Mach auf und ich erledige den Rest!“  Lush schleicht (nun) flotten Schrittes zum Marder und öffnet wieder mit einem Dietrich das Vorhängeschloss des stählernen Kastens.  Ingo erledigt nun seinen Auftrag und untersucht die Kabel, während Lush – die mitgebrachte güldene Trillerpfeife schon im Mundwinkel – zum Tor kriecht.  Der Marder musste nur das richtige Kabel durchtrennen und das stählerne Tor würde sich öffnen und nicht mehr schließen lassen – dann würde Lush den Einsatz der tierischen Kavallerie einläuten.  Lush merkt erst jetzt, wie ihm die Schweißperlen bei dem ganzen freigesetzten Adrenalin die Stirn runterfließen.  Das letzte Mal hatte er das bei einem Notartermin, als es um das Erbe seines Großvaters ging – das dann komplett an die andere Seite seiner Familie übertragen wurde.  Er war als schwarzes, dummes und eher faules Schaf enterbt worden – “Mit Recht!”, wie alle anderen Familienmitglieder ihm damals beteuerten.   „Ich hab’s! Achtung! Jetzt!“, schreit Ingo fast wie durch ein Megaphon und tatsächlich öffnet sich das Tor.  Kaum will Lush durch die Trillerpfeife mit vollem Elan pfeifen, tippt irgendein Finger auf seine rechte Schulter.  Mr Mahto im Nachthemd und Schlafmütze – und zwei Tigern an der Leine!  Das letzte, was er – aus vielerlei Gründen – jetzt sehen wollte.  Die Pfeife fällt aus dem versteinerten Gesicht auf den Boden, klingt beim Aufprall und verstummt beim dritten Mal. 

 „Mr Lush!  Welch’ große Freude! So spät in der Nacht? Manchmal muss man gar nicht groß suchen … lassen!  Die Sachen tauchen wieder ganz von alleine auf! Hören Sie … darf ich Sie kurz im Tigergehege sprechen?“ MM/JHS

Maximilian Mogg

Kreativdirektor & Chefredakteur

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