Maskulinität im Anzug – Ein Kommentar

Gute Kinofilme kann man daran erkennen, dass man später mehrere Stunden darüber redet. Als ich letztens über verwunschene Wege das Interview “To look good, you need to look masculine” mit Herrn Ethan Newton (erschienen am 17.01.2018, geschrieben von Philip Patrick, erschienen in Japan Times) fand, ist mir ähnliches passiert.  Ein australischer Schneider bläst hinaus, was geradewegs und überhaupt gegen alles spricht, was man auf den heutigen internationalen Laufstegen sieht – welch erfrischendes Lüftchen.  Doch mit reiner Polemik ist es nicht getan.  Was meint er mit diesem – zugegeben – aus dem Zusammenhang des Interviews gerissenen Satz?  Und kann man das so pauschalisieren?  Zeit für einen Kommentar.

Definition von Männlichkeit

Die Definition von Männlichkeit gestaltet sich in unserer heutigen Kultur als schwierig.  Das “allwissende” Wikipedia unterscheidet zwischen physischen (Körperkraft, markante Gesichtszüge etc.), charakterlichen (Mut, Dominanz, Verlässlichkeit, Coolness etc.) und mentalen Merkmalen (Rationalität, Zielstrebigkeit etc.).  Was hat das nun mit der Art der Bekleidung eines Herrn zu tun?  Ich denke, Herr Newton lässt die physischen Merkmale außer Betracht.  Ein Schneider arbeitet mit den Körpern, die er vorgesetzt bekommt – ähnlich wie ein Orthopäde.  Auch innerhalb der verschiedenen Körperideale der jeweiligen Kulturen eine Art stringente Linie für Männlichkeit zu finden, empfinde ich als geradezu unmöglich.  Auch mentale Merkmale müssen meiner Meinung nach aufgrund von zu vielen Ausnahmen aus der Betrachtung gezogen werden.  Wo es dann tatsächlich interessant wird, ist Charakter.  Durch nonverbale Kommunikation wie z. B. durch Kleidung den Charakter zu unterstreichen, ist in der Tat etwas Cooles.  Kleidung als Verstärker des Charakters und nicht als Maskerade.  Stichwort: Integrität.

The homeless are better dressed. At least their clothes are an extension of their personalities. There’s an integrity there. I don’t want my customers to be a billboard for my brand, I want my brand to be a billboard for my customers. – Mr Ethan Newton

Diese Erklärung des Mitgründers von The Armoury in Hong Kong und Eigentümers des Herrenoberbekleidungsgeschäfts Bryceland’s in Tokyo ist sehr nobel und zeugt von einem ehrlichen Dienstleistungsgedanken. Denn nur darin liegt meiner Ansicht nach die Kunst eines wahrlich guten Schneiders: Er muss gut zuhören, kommunizieren und umsetzen können … und erst dann ist ein Herr wirklich integer und gut gekleidet – und vielleicht auch ein wenig maskuliner.

Doch die Grundfrage, die die Hypothese bedroht, bleibt: Ist dieses Bild des Mannes eher archetypisch und damit eine historisch beeinflusste Rollenerwartung und gar keine wahre Maskulinität?  Als Antwort darauf fällt mir eine persönliche Erfahrung ein.  Als ich mit 18 in einem Restaurant in Koblenz jobbte, sagte mir die Chefin und Eigentümerin folgenden Satz: “Der Sinn des Lebens ist glücklich zu sein.”  … der Kölner findet dafür einfachere Worte: “Jeder Jeck ist anders.” oder nach Friedrich, der Große: “Jeder nach seiner Fasson.”

Dass Mr Newton diesen Zustand des Glücklichseins erreicht hat, zeigt folgender Ausruf: “If I’m still doing exactly what I’m doing now when I’m 60, I’ll consider that an achievement.”

Zwei schöne Zitate, die nicht unter den Tisch fallen sollten

Erstens, “Money is not the goal. I’ve never been rich so it’s not important.” Zweitens,“To be elegant you need to be comfortable, and that means clothes that fit. If only men who could would plan their wardrobes, and work with tailors, instead of asking their girlfriends what they should wear … the world would be a better place.” MM

Mr Ethan Newton
Instagram
Maximilian Mogg

Kreativdirektor & Chefredakteur

No Comments Yet

Comments are closed