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17. März 2017

S1E1 – London Noir

by

Maximilian Mogg

Ein grauer Schleier liegt über der potemkinschen Stadt London.  Herr Lush fühlt sich von zeitungslesenden Taxifahrern, geschulterten Waffen und Touristenamphibienfahrzeugen gestört und schleicht langsam zu seinem Barbier in Mayfair, den er zum Gesprächseinstieg gleich darum bittet, das Fenster zu schließen, die Presslufthämmer klängen so vulgär.  Er fragt nach einem Glas französischem Prickelwasser und wischt sich gleich beim ersten Schluck eine Träne mit einem ererbten, handrollierten Seidentuch aus den Augenwinkeln: die perlage ist ihm zu stark und er rührt lösungsorientiert mit seinem handlichen Champagnerquirl, der an seiner viktorianischen Uhrenkette befestigt ist, sachte um, bis ihn das Gefühl ereilt, der Sekt wäre fahl.  Er lässt sich das Glas in seinen immer leeren Flachmann füllen –

Das gebe ich gleich meinem Schuhputzer um die Ecke, für den letzten Schliff. Der Glanz ist von einer anderen Welt, das sage ich Ihnen. Beau hat das auch gemacht., erklärt er seinem Barbier, der den Pfund Trinkgeld nach dem Besprühen mit lavendeligem Eau de Cologne übertrieben dankbar entgegennimmt.

Frisch rasiert und erholt, begibt sich das alte Maßschuhwerk mitsamt Träger zur Werkstatt, für die er sich immer ganz besondere Witze bereitlegt, die aber schon sein Vater an selbem Ort und selber Stelle immer von sich gab.  Der teils geflickte Schuh wird mit dem ungenießbaren Champagner gereinigt, wobei besonders viel Wert auf den Glanz der schwarzen Kappe gelegt wird – ein für ihn essentieller Teil seiner etonischen Uniform.

Glänzenden, aber nicht prickelnden Fußes tappst er in Richtung Familienschneider.  Zur zweiten Anprobe ist er mit ihm verabredet.  Herr Lush hatte sich entschlossen, nachdem er seinem Gärtner seinen Maßanzug aus der Schulzeit – wie er findet zu einem sehr fairem Preis – verkauft hat, seinem Schneider etwas Gutes zu tun.  Er empfand es allerdings als eher undankbar, dass er den seit 50 Jahren unveränderten Familienpreis gleich zu Beginn der Order voll zahlen sollte.  Die Stimmung war somit schon bei der ersten Anprobe angespannt und hat sich zwischenzeitlich nicht wirklich gebessert.  Herr Lush hat deshalb auch keine Skrupel seinen angeborenen Masochismus vollen Lauf zu lassen und zur Strafe keine Witze seines Vaters zu erzählen.  Doch als er den gehefteten Anzug überstreift, ist das entspannende Gefühl der Gerechtigkeit dahin.  Herr Lushs Krawatte schwillt und er setzt an, dass er doch mit ihm besprochen hätte, dass das Revers die politische Situation der Hauptstadt reflektieren sollte und jetzt sähe es genauso aus wie die der Anzüge seines Vaters und seiner Großväter.  Der gebrechliche aber taffe Buckelschneider fragt mit vorsichtiger, aber ohne Zweifel gereizter Stimme: Wie darf er sich das Revers denn vorstellen?  Er solle gefälligst, mal auf die Straße schauen, steigend sei es bestimmt nicht.  Herr Lush blickt in jahrelang einstudierter Manier auf seine nicht funktionierende Taschenuhr und sagt, er müsse jetzt nach Hause gehen.

Auf dem Weg erkennt er schon von der Ferne einen alten Schulfreund, der ihm schon seit jener Zeit immer zwei Zigaretten leiht.  Herr Lush hatte im Gegenzug immer Streichhölzer – so auch heute.  Die eine Zigarette pafft Herr Lush mit ihm, die zweite steckt er sich in sein angelaufenes Silberetui – für später im Raucherraum alias Küche.

Beim ersten Schritt seiner 600-metrigen Heimreise, seufzt Herr Lush voller Erschöpfung, London sei nicht mehr das, was es mal war.  Das Ziel erreicht und in die Hausslipper geschlüpft, fragt der Herr im Haus den weiten Flur: Wo ist denn Frau Lush? – Sie ist auf Kapitaljagd!, hallt es retour. MM