────

11. November 2015

Krawattenknotenkriege

by

Maximilian Mogg

Es war einmal in einer weit, weit entfernten Galaxis… die Windsors kämpfen erbittert gegen die Four-in-Hands und die Pratts um die Vorherrschaft in Sachen Eleganz und Maskulinität. Die einen schreiben sich „Nieder mit den Kinderknoten!“ auf die Fahnen, während die anderen sich mit aller Kraft dagegen wehren, auszusehen wie Staubsaugervertreter – nichts gegen Staubsauger; ich finde jeder sollte einen haben. Ohne Zweifel sind die drei Stilrichtungen der breiten, mittleren und schmalen Krawattenknoten momentan alle in den Büros dieser Welt zu sehen.

Nach der Unterteilung in diese drei Kategorien möchte ich konkret definieren, welche Knoten meiner Ansicht nach zu den jeweiligen Kategorien zählen. Zu den breiten Knoten zähle ich hauptsächlich den Windsor und den Balthus, zu den mittleren den halben Windsor, den Old Bertie, den Prince Albert (Double Four-in-Hand), den Kelvin und den Pratt, zu den schmalen den Four-in-Hand und den Kent. Es wird vortrefflich darüber gestritten, was der perfekte oder förmlichste Knoten auf den Anzug ist. In der Tat ist die Frage nicht einfach zu beantworten. Die Hauptfrage sollte immer sein, was komplettiert das Gesamtbild am besten? Und dann sind es doch einige Variablen, die es zu optimieren gilt. Treten wir also einen Schritt zurück und fangen an mit der Gesamtfunktion und bestimmen ihre einzelnen Bestandteile. Anzustreben ist die Maximierung des Gesamten: das Unterstreichen der persönlichen Stärken und das Ausmerzen der Schwächen. Es gibt eine mehr oder weniger feste Größe, die eigene Konstitution, an die die Variablen, wie Revers- und Krawattenbreite und Hemdkragen, angepasst werden sollten.

Die Konstitution

Fangen wir mit der quasi unveränderlichen an: der eigene Körper. Sind Sie eher breit- oder schmalschultrig? Ist Ihre Figur eher athletisch oder sind Sie eher genussorientiert? Haben Sie eher breite oder schmale Gesichtszüge? Nach einer kritischen Reflexion seiner Selbst, sollte man sich einer der drei Gruppen mehr oder weniger zuordnen können. Der nächste Schritt ist aber nicht, wie man etwa meinen könnte, der direkte Sprung auf das Problemfeld „Krawatte“ – das ist einer der meist begangenen Fehler. Stattdessen liegt der Fokus auf dem Finden der perfekten Grundlage für selbige – sprich des perfekten Jacketts und Hemds.

Das Revers

Es empfiehlt sich als eher breitschultriger Gentleman ein breites Revers zu wählen, während die schmaleren unter uns eher auf schmaleres Revers zurückgreifen sollten – ich empfehle Ihnen dafür, sich nicht an aktuellen Boybands zu orientieren. An dieser Stelle sei gesagt, dass hier Ausnahmen die Regel bestätigen: Auch eher schmale Herren beweisen an der Pitti Uomo in Florenz, dass ein eher breites Revers durchaus einen interessanten Akzent setzen kann. Ich bin aber der Meinung, dass es sich hierbei um modische Erscheinungen handelt und auf diese sollte man, um seinen Kleiderschrank langfristig gut einzurichten, verzichten. Das Revers ist für die Wahl der Krawatte sicherlich eine sehr wichtige Variable. Es sollte allerdings nochmals erwähnt werden, dass das erste Augenmerk beim Kauf immer auf die Schulter des Anzugs geworfen werden, da dieser Teil des Anzugs nur mit viel Aufwand und nur von außergewöhnlich guten Schneidern verändert werden kann. Ist man mit der Wahl der Jackets zufrieden, kommen wir zur Wahl des Hemd(-kragen)s.

Der Kragen

Der Siegeszug des Haifischkragens in den letzten fünf bis zehn Jahren ist nur für den Herrn mit breiten Gesichtszügen ein zeitloser Erfolg. Ich persönlich finde, dass ein Mann mit schmalen Gesichtszügen mit dem schmaler zulaufenden Kent-Kragen oder einem Tab-Kragen besser bedient ist. Wichtig ist bei beiden, dass der Kragenrand bündig mit dem Revers abschließt. Beim geschlossenen Sakko muss das Revers also immer leicht den Hemdkragen bedecken. Der Haifischkragen ist durch seine große Öffnung perfekt geeignet für breite Krawattenknoten, wohingegen der Kent-Kragen oder Tab-Kragen nur zu mittleren und schmalen Krawattenknoten wirklich passt.

Die Krawatte

Als dritten Schritt kommen wir nun auf die Breite der Krawatte zu. Manche machen es intuitiv richtig, andere müssen sich mit einer Faustformel behelfen: Die breiteste Stelle der Krawatte muss die gleiche Breite haben wie die breiteste Stelle des Revers plus/minus einen Zentimeter. Diese Faustformel zählt vornehmlich für das fallende Revers, nicht für das steigende, weil dann die Krawatten viel zu breit werden würden. Nehmen Sie bei einem steigenden die Breite des Revers weniger dem überstehenden Zacken als Vergleichspunkt. Da es kaum einen ausgewachsenen Mann gibt, der das Gesicht eines Kindes hat, sind Reversbreiten, wie Sie zur Kommunion üblich sind, nicht vorteilhaft und schließen dadurch auch Krawattenbreiten von unter sieben Zentimetern aus dem Krawattenuniversum aus.

Der Krawattenknoten

Langsam nähern wir uns optimalen Verhältnissen zur Wahl des Krawattenknotens und müssen nun eigentlich erkennen, dass man gar keine Dreier-Wahl mehr hat, sondern im Prinzip das Optimierungsproblem auf eine Zweier-Wahl begrenzen konnte. Es bleibt einem schmalen Mann nur ein schmaler oder ein mittlerer Knoten und einem breiten Mann nur ein breiter oder mittlerer. Denn bei einem breiten Knoten auf eine schmale Krawatte oder auch beim Binden des anderen Extrems müssen selbst bei den modisch kaum Interessierten die Alarmglocken läuten.

Das Material

Wir bewegen uns langsam auf die Ziellinie zu. Der vorletzte Schritt ist die Wahl des Materials. Eine generelle Regel dafür zu entwickeln fällt schwer. Denn das Material der Krawatte wird abhängig vom Anzug- und Hemdmaterial gewählt. Meiner Ansicht nach zählt auch hier wieder das persönliche Geschmacksempfinden mit der Ausnahme, dass ein normalerweise mittlerer Krawattenknoten zu einem breiten Knoten wird, wenn das Material schon sehr schwer und dick ist, und deshalb sollte ein schmaler Knoten gewählt werden. Auch ist bei extrem leichten Materialien davon abzusehen breite Krawattenknoten anzusetzen, weil das Material hierdurch unnötig seinem ansonsten leichten Flair beraubt wird. Ein flexibler Gentleman, der Krawatten aus verschiedensten Materialien besitzt, sollte also zwei bis drei für Ihn passende Krawattenknoten beherrschen.

Die Markenbotschaft

Nur ein Schritt bis zum Zieldurchlauf: Zuletzt kann noch die ursprüngliche Idee des Designers in Betracht gezogen werden. Bei starken Markenbotschaften des Modehauses, die beispielsweise nur mit einem leichten Schoolboy-Knot Hand in Hand gehen kann – ich halte hier Hermès für ein vortreffliches Beispiel – finde ich es extrem schwierig der Krawatte durch einen davon abweichenden Knoten ein anderes Image aufzuzwingen. Mein Credo lautet also hier, kaufen Sie nur hochwertige Markenkrawatten, deren Markenbotschaft mit Ihrem persönlich passenden Gesamtoutfit einhergehen, oder Krawatten, die exzellente Qualität bieten und ohne starke Markenbotschaft auskommen, um langfristig in puncto Krawatten gut aufgestellt zu sein.

Letztendlich ist es also beim Krawattenknotenkrieg wie mit allen Kriegen: Eigentlich müsste man in perfekt friedlicher Koexistenz leben können und jeder auf seine eigene Art und Weise glücklich werden.

Zusatzinformationen

Drei letzte persönliche Aussagen vielleicht noch: Erstens empfinde ich es nicht als optimal, die Güte eines Krawattenknotens an seiner Symmetrie festzumachen – ein weit verbreitetes Argument der Windsor-Träger. Die Breite des Knotens im Zusammenspiel mit dem Gesamtbild ist wesentlich wichtiger als die Symmetrie. Außerdem hat man mit (meist ja nur wirklich leicht) asymmetrischen Knoten die Chance je nach Binderichtung etwaigen Asymmetrien im Gesicht entgegenzuwirken. Zweitens empfehle ich beim Binden der Krawatte einen sogenannten Dimple einzuknoten. Diese Falte gibt das Zeichen nach außen, dass man selbst beim Knoten einer Krawatte auf Kleinigkeiten achtet, was das gesamte Outfit noch eleganter wirken lässt. Drittens und letztens, eine Krawatte sollte immer so gebunden sein, dass ihre Spitze zwischen Mitte und Anfang des Gürtels endet. Falls Sie eine Hose mit Seitenverstellern tragen, nehmen Sie die Breite des Bundes als Gürtelbreite und befolgen Sie die Regel. Je höher die Hose geschnitten ist, desto mehr kann von dieser Regel abgewichen werden und leicht nach unten verlängert werden. Bei schmalen Knoten kann es dazu kommen, dass das schmale Ende der Krawatte nach dem Binden länger ist als das breite. Es wäre immer noch klassisch korrekt, das breite Ende an der Stelle am Gürtel enden und das schmalere darüber hinaus hängen zu lassen. Ich finde, es sieht nur in den seltensten Fällen vorteilhaft aus und empfehle deshalb, dass Sie die Krawatte wenn möglich mit Ihrem persönlichen Knoten im Geschäft auf die passende Länge prüfen. MM