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19. September 2021

Königlicher Verschleiß – Das Loch als Markenzeichen

by

Yves Yannick Stork

Die klassische Herrenmode hat feste Fixpunkte. Trotz der Permutationen, Variationen und Weiterentwicklungen, die sie im Laufe der vergangenen Jahre durchgemacht hat, gibt es einige Spielweisen, die sich großer Popularität erfreuen. Manche predigen den Ivy-Stil: Button-down-Hemden und Club-Krawatten, andere fetischisieren die italienische Sprezzatura. Auch das „Goldene Zeitalter“ Hollywoods, mit den immergleichen Schwarz-Weiß-Bildern von Cary Grant, Fred Astaire und Sean Connery darf nicht fehlen in der Liste der all time favourites. Ich nehme den ähnlich populären aristokratischen Stil britischen Vorbilds als Beispiel für meine Ausführung.

Die Kleidung der britischen Prinzen und Könige des 20. Jahrhunderts hat eine ungebremste Anziehungskraft auf Anhänger der Schneiderkunst: Die Verquickung der geschlossenen Welt der Aristokratie und dem luxuriösen, unnahbaren Selbstbild der Maßschneiderei liegt auf der Hand. Ein Aristokrat im maßgeschneiderten Frack – wer könnte da schon nein sagen? In der Vorstellung vieler steht der Lebensstil der Aristokraten für eine Leichtigkeit, die erlaubt, allem zu frönen, was sonst nur klischeehafte, materialistische Neigungen sind: Uhren, Zigarren, Whisky und natürlich Maßkleidung.

Es sind – wie so oft – die Details, die den Look definieren: Sie denken bei typisch aristokratischen Looks vielleicht an Regimentskrawatten und bunte Kordhosen. Doch das wahre Markmal ist meines Erachtens der Verschleiß: Makel und Abnutzungsspuren, die die Qualität eines Kleidungsstücks bezeugen, das über Jahrzehnte getragen wurde. Diese Spuren sind hierbei Trophäen – keine Peinlichkeiten. Zerschlissene Kragen und ausgefranste Manschetten eines alten Hemdes sind Zeichen einer klugen Investition. Großvaters umgeänderte Jacke, die nun vom Enkel getragen wird, versprüht die Aura faszinierender Geschichten (oder die Überreste seines Eau de Toilettes). So oder so: Es spielt keine Rolle, dass das jahrzehntelange Festhalten an Kleidungsstücken oft vom schleichenden Niedergang der Adelshäuser zeugt. Vielmehr dienen solche Details dazu, die Zugehörigkeit der Träger zu einer besonderen Schicht zu unterstreichen.

Kommen wir zum Punkt: Trotz der Bewunderung, die Sie vielleicht für die Garderobe von Edward VIII. hegen, rate ich davon ab, Motten in den Kleiderschrank zu locken – und Ihre Schere können sie auch gerne wieder beiseite legen. Obwohl es sehr modern erscheint, seine Kleidung bis zu ihrem Zerfall zu tragen, sollten Sie bedenken, dass es wenig Sinn macht, gedankenlos die Muster anderer zu kopieren. In unserem Beispiel würde der – ganz und gar nicht Adelige – Anhänger dieses Looks zum Beispiel folgenden Satz zücken, in der Hoffnung, seine Zugehörigkeit unterstreichen zu können: „Nur der Schuhmacher von Prinz Charles ist mir gut genug.“

Gegen eine gesunde Wertschätzung dieses aristokratischen Stils ist natürlich nichts einzuwenden. Die britische Königsfamilie durch sklavische Nachahmung zu ehren, ist aber vielleicht doch ein wenig zu viel des Guten. Wichtig ist, dort anzufangen, wo wir es können: Gute Kleidung kaufen, tragen und pflegen. Ob Sie die Abnutzungsspuren, die nach vielen Jahren sicherlich auftreten werden, ausbessern, sie mit Stolz tragen oder doch zu einem neuen Kleidungsstück greifen, ist natürlich Ihnen überlassen. NWW/YS/MM