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20. Juni 2021

Kleidung ist Musik

by

Maximilian Mogg

Kleidung ist Musik. Lassen Sie uns diesen Gedanken doch mal transponieren. Gute Kleidung zeichnet sich – ähnlich wie gute Musik – durch einen klaren Gedanken aus und Sie als Träger sind der Komponist.  Die Betrachter nehmen die Rolle der Zuhörer ein. Die Hörer müssen verstehen, welche Nachricht, welches Gefühl und welchen Charakter Sie kommunizieren möchten. Dass dabei oft musisches Wirrwarr herauskommt, liegt nicht am Hörer, sondern an der Schule des Komponisten. Und so lautet der Refrain dieses Textes: „Man sucht die Fehler nicht bei anderen, sondern bei sich selbst.“

Nachricht

Schon mit Ihrem ersten Akkord oder Ihrem ersten Eindruck senden Sie eine Nachricht an die Zuhörer oder eben die Betrachter. Schlägt ein Mensch mit einem schwarzen Anzug und einer schwarzen Krawatte die Tür auf, denken Sie wahrscheinlich gleich an einen Banküberfall oder – noch schlimmer – an eine Beerdigung. Wenn der selbe Herr mit einem gelben Anzug und einer orangenen Krawatte eingetreten wäre, ginge der Gedanke vermutlich eher in Richtung eines sommerlichem Spontankonzerts von Helge Schneider.

So kommen wir zu unserem üblichen Thema: die richtige Kleidung zum jeweiligen Anlass. Ich predige dieses leidige Thema ja bekanntlich schon sehr lange… doch es bringt ja nichts. Im Zweifel wiederhole ich mich lieber, als mir nachsagen zu lassen, „das hätten Sie aber schon nochmal sagen müssen“. Aber wo waren wir? Ach ja, Türaufschlagen! Wie wäre es mit dem Beispiel eines Vorstellungsgesprächs? Gelber oder schwarzer Anzug? Richtig: weder noch! Dunkelblauer oder dunkelgrauer Anzug mit weißem oder hellblauem Hemd wäre da schon richtiger!

Und jetzt da Sie die Grundlage des Konzepts verstehen, dürfen Sie auch gerne gleich wieder damit brechen! Aber nicht wundern, wenn die oben erwähnten ersten Eindrücke entstehen – und sagen Sie nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt! Manchmal kommt man auch mit mit dem Rücken zur Wand durch die Wand…

Bryan Ferry mit dem Rücken zur Wand.

Gefühl

So: erster Akkord vorbei. Jetzt geht’s ja für gewöhnlich weiter, sofern die Tür nicht wieder zugeschlagen wurde – und zwar von innen. Bleiben wir doch mal beim Vorstellungsgespräch und der Korrektheit (oder Langweiligkeit) halber beim dunkelblauen oder -grauen Anzug. Wie sagt man denn mit diesem Stück am Leib, dass man zur Zeit beispielsweise frisch verliebt ist – gesetzt den Fall, Sie möchten es Ihren zukünftigen Vorgesetzten gleich kommunizieren? Die einfachste Variante wäre, ein Lebkuchenherzl mit der Zuckergussaufschrift „Ich bin verliebt“ zu tragen.  Aber das wäre wieder zu einfach! Mein Vorschlag wäre ein eierschalenfarbenes Hemd mit einer rosig-rubinroten Krawatte, einem fliederfarbenen Leineneinstecktuch gepaart mit einem verschmitzten Lächeln. Warum? Nuancierte Kommunikation ist in solchen Situationen ganz fabelhaft.

Zeitlose Ästhetik und meisterhafte non-verbale Kommunikation: Fred Astaire.

Charakter

Nun sind Sie aber ein stets trauriger Liebhaber. Das Leben wiegt, wenn Sie mal nicht verliebt sind, schwer auf Ihren Schultern und deswegen haben Sie eigentlich nur dunkle Grau- und Blautöne in Ihrer Garderobe.  All Ihre Akkorde umgibt ein melancholisches Flair, seien sie auch durch noch so farbenfrohe Akzente geziert. Sie verstehen sicherlich langsam, worauf ich mit meiner extremen Überzeichnung hinauswill, oder?  

Auf einem gewissen Niveau ist Kleidung nicht mehr nur ein Akt des Verhüllens, sondern Musik oder schlicht und einfach eine subtile Form der Kommunikation. Und da unterscheidet sich das höhere Wesen vom niederen, denn anziehen können wir uns alle – müssen wir uns sogar im öffentlichen Raum – siehe auch §118 OWiG – „Belästigung der Allgemeinheit“.  Die Geldstrafe von bis zu 1000€ kann man da sicherlich besser investieren: zum Beispiel in einen schönen neuen Anzug.

Helmut Berger in seinen besten Zeiten.

Zusatzinformationen

Dass sich dieses Konzept auf viele Themen übertragen lässt, ist, denke ich, offensichtlich. Parfum käme mir spontan in den Sinn. Basis-, Kopf- und Herznote stellen – genau wie Kleidung – ein ideales Kommunikationsmittel dar. Da wundert es nicht, dass oft von der Komposition des Duftes die Rede ist. MM/YS