Mr Lush öffnet langsam die Augen und kann nicht aufhören zu blinzeln. Der Jägermeister scheint bleibenden Schaden hinterlassen zu haben. Er liegt immer noch benommen am Boden der Bar von Flavio Flamingo. Geweckt wird er vom wilden, rhythmischen Stampfen verschiedenster Hufe und Pfoten.

Er versucht sich zu konzentrieren und bemerkt dabei zunächst, dass die Körperbeherrschung wohl in der Benommenheit nachgelassen haben muss: Der Atem, der seinem Mund entweicht, sticht in die Nase. Hier und da sieht er auch noch kleine Reste des Schlamassels an seinem blauen Doppelreiher. Den Rest haben – so denkt der arme Trinkschwache – Kiki und Kuku weggewischt. Wahrscheinlich war tatsächlich es eine bessere Idee, ihn auch danach erstmal liegen zu lassen. Logischerweise ist Lushs Raum-Zeit-Gefühl ein wenig aus der Balance und er wagt einen Blick auf seine in unregelmäßigen Abständen stehenbleibende Armbanduhr von Catze in der Hoffnung, dass sie ihm Auskunft geben kann. Wenn die Uhr nicht gelitten hat und eine ihrer Phasen hatte, war Lush dreißig bis vierzig Minuten Opfer des sogenannten Jägermeister-Stromausfalls. Doch erst jetzt merkt er, was eigentlich um ihn herum passiert. Die ganze Truppe mit Ozelot Olivier voran – Woher hat der diese Offiziersmütze … und vor allem warum? – singt Karaoke, begleitet vom Lemuren am Piano, und tanzt auf den Tischen. Olivier auf der Bar mit einer der eher eineindeutig gekleideten Bordsteingazellen.

Comic von Herrn Everett Glenn.

Als Olivier bemerkt, dass Lush im Begriff ist, sich aufzurappeln, gibt er Kiki ein kleines Handzeichen, woraufhin die Musik – Sunny von Bonny M. – ausfällt. Lush ahnt schon nichts Gutes, denn der Ozelot ist betrunken und hat jetzt mit aller Sicherheit Soldatenquatsch im Kopf. Es kommt, wie es kommen muss. Dschinghis Khan ertönt: What shall we do with the drunken sailor?

Die Tiere singen alle in Richtung Lush – dabei fällt Lush auf, manchem Tier auf dieser Welt hätte der liebe Gott auch die Fähigkeit des Singens ersparen können – bedrohlich unternehmenslustig „… Early in the morning“, während ein anderer kleiner Teil der Motorradleoparden eine Medizinbahre holt, um den immer noch quasi bewegungsunfähigen Lush zu verfrachten, der dies unter dem singenden und lachenden Gejole widerstandslos über sich ergehen lässt. Der eher von rhythmischem Hopsen geprägte Transport schlägt auf den immer noch empfindlichen Magen des Alkoholvergifteten. Die Leoparden tragen den „verhältnismäßig schweren“ Lush, wie sie immer wieder betonen – „Lustig! Ihr Arschlöcher!“, denkt Lush – voran in eine benachbarte, immer noch unterirdische, kleine Arbeiterwohnung, während der Rest der Pfauen, Lemuren, Zibraffen, Kolibris und Ozelots die Bahre in einer Polonaise formiert verfolgt. „Das war bestimmt Oliviers Idee!“, denkt sich der sich auf seinen Magen konzentrierende Lush. In einem gekachelten Raum mit Duschkabine angekommen, wird Lush wie bei einer Notrutsche eines Flugzeugs mit den Füßen zuerst in die Dusche – sagen wir – “gegleitet”. Während die Zibraffen und der Ozelot schon anfangen, sich schadenfroh ins Fäustchen zu lachen, und Lush versucht, in der Fußwanne sitzend seinen Krawattenknoten zu öffnen, wartet eine der Gazellen auch keine Sekunde und zockt den kalten Hahn auf volles Karacho.

Comic von Herrn Everett Glenn.

Fünf unerträgliche Minuten brutaler Kälte beherrschen Lushs Gedanken. Die Tierkarawane – wen wundert’s – singt selbstverständlich immer noch das Schmachlied des betrunkenen Seemanns. Er ist zu gefrustet und beschämt, um sich auch nur zu einem  Hauch eines Schreis nach Wärme hinreißen zu lassen. Nach einer halben Ewigkeit bittet er, nachdem er sich bis zur Unterhose entkleidet hat, um ein Stück Seife, eine Zahnbürste, Zahnpasta, einen Kleiderbügel, frische Kleidung und ein wenig Contenance beim Publikum. Den Wünschen wird – immer noch lachend und grinsend – nachgekommen. Mit frischem Körper- und Mundgeruch packt er die Kleidung, die ihm in einem Jutebeutel überreicht wurde, aus. Eine Jeans, ein weißes Unterhemd, eine Lederjacke – selbstverständlich zu klein – und ein paar ausgelatschte Turnschuhe – selbstverständlich zu groß. Es war die Kluft eines der Leoparden, der dieses Outfit wohl tausendfach besitzt. Es ist Lush gerade herzlich egal, dass er total lächerlich aussieht; wenigstens sind die Klamotten sauber. Seinen durchnässten Anzug und sein Hemd hängt er über einen Reinigungsbügel.

Er schreitet nach draußen und die Tiere rufen frohlockend im Singsang „Feuerprobe bestanden!“. Lush antwortet mit einem überzogenen Grinsen und dem Finger. Er überlegt noch kurz, ob er den Leoparden fragen soll, ob er bewusst die Assoziationen mit YMCA beim Betrachter evozieren möchte, entschließt sich aber dann doch schnell dagegen, als er den Bizeps Sankt Martins sieht.

Lush bittet eine der Kolibridamen um einen Espresso mit einem Viertel frischgepresster Zitrone, stilles Wasser und sechs Scheiben trockenes Toastbrot. Er fasst sich langsam. Rund um die Bar herum feierlaunige Tiere, die die Jukebox auch schon wieder angeworfen haben, und zu Macarena tanzen, was besonders bei den Zibraffen ulkig aussieht.

Kurz vor Ende des spanischen Klassikers für Trinkwütige tappst der Ozelot zu Lush. „Geht’s Dir besser?“ – „Das war ‘ne Falle, stimmt’s?“ Der Ozelot überlegt kurz und antwortet: „Notwendiges Übel. Wir waren ja dabei, es hätte noch schlimmer kommen können.“ … Lush kneift die Hand in seiner Motorradlederjacke zur Faust zusammen. Er empfindet das Verhalten als unglaublich unfair, sinnlos und sein Magen stimmt ihm zu. Währenddessen singen die Zibraffen im Duett „Short People“ von Randy Newman auf dem kleinen Podest neben dem Lemuren, der das selber ob seiner Körpergröße nicht so wirklich lustig findet und mit jedem Tastenanschlag böser guckt.

… „Wir werden noch ein bisschen feiern und uns morgen zur nächsten Station aufmachen. Du bist Teil eines großen Plans!“ … Noch bevor Lush entsetzt schreien will, dass er aber kein Teil eines großen Plans werden möchte und sein altes Leben bei genauerer Betrachtung doch gar nicht sooo schlecht war, wird die Tür laut aufgetreten. Ein Maschinengewehr rattert und schießt gen Decke. Staub wird aufgewirbelt. Alle drehen sich geduckt um oder springen in Deckung. Die Musik stoppt sofort. Traurig stellen alle diejenigen, die sich umgedreht haben, fest, dass der Wellensittich im Anzug dran glauben musste und nun unter der schweren stählernen Tür liegt. Ein paar blaue Federn sind die letzten Beweise seiner Existenz. Aber für Trauer ist jetzt keine Zeit! Als der aufgewirbelte Staub sich langsam legt, betritt der Übeltäter den Raum. Ein Löwe mit unbestreitbarer Ähnlichkeit mit Jürgen Drews betritt arrogant – eine Tommy Gun schwingend – den Raum. Eine weitere Salve in die Decke. Er trägt schwarz-weiße Correspondents, einen eierschalfarbenen dreiteiligen Anzug, eine schwarz-weiße psychedelisch-gemusterte Krawatte auf einem schwarzen Hemd und einen großen weißen Fedora. Sein Schneider hat ihm am Allerwertesten ein Loch geschnitten und die Jacke absichtlich mit Mittelschlitz versehen, damit sein Schwanz majestätisch umherschwingen kann. Er klackt absichtlich laut mit seinen Boulevard-Eisen auf den schmutzigen Boden und schießt eine weitere Salve Richtung Decke. Ratatatatata! Mit jeder weiteren Salve ducken sich die Tiere mehr und mehr und pressen sich gegen den Fußboden. Olivier und Lush hinter dem Bartresen, die Zibraffen hinter dem Vorhang der Bühne. Als der Löwe meint, genügend Aufmerksamkeit zu haben, beginnt er bestimmt, aber verhältnismäßig sanft, zu sprechen: „Meine Damen und Herren, liebe Freunde der guten Unterhaltung! Keine Angst! Ich mache hier kein großes Tamtam! Mein Name ist Eduardo Gorgonzoles, aber meine Freunde nennen mich Ed! Gleich vorweg: Ich bin kein großer Fan von unnötigen Komplikationen. Ich bin hier mit dem Auftrag, einen Ozelot, einen Menschen und zwei Giraffen-Zebra-Mischlinge vorerst lebendig abzuholen. Wir machen das ganz locker und ohne Gewalt. Ich setze mich hier auf die Couch und wir hören ein Lied. Wenn die Musik vorbei ist und die Vier nicht bei mir stehen, mache ich alle … kalt. Das Lied bestimme ich und der Pianist darf das Schicksal des Wellensittiches teilen…“ Der Löwe tritt nochmals auf die Tür und springt einmal auf und ab. „… wenn er auf die Idee kommt, neue Strophen hinzuzufügen oder in einem langsameren Tempo zu spielen. Ist der Deal soweit klar?“ Keine Antwort. „Ist der Deal kla-ha-r?“ Eine weitere Salve. Ein leises „Ja!“ echot zurück! „Hervorragend! Mir ist der Sinn nach … mmmh … sagen wir … was kurzem! Bad Leroy Brown!! Sie dürfen beginnen! … ach ja, und für mich einen Dirty Martini! … Danke der Nachfrage!!“

Der Lemur beginnt sich zurück zu seinem Flügel zu bewegen und eine Kolibridame bereitet widerspenstig das Getränk vor.

Der Löwe pflanzt sich auf die Couch, greift in seine Sakkoinnentasche, öffnet im Anschluss ein kleines Röhrchen mit weißem Pulver und rollt einen amerikanischen 100-Dollar-Schein zu einem Strohhalm. In der anderen Hand bereits mit einer schwarzen American-Smexypress bewaffnet, kreiert er feine Linien auf dem schwarz-mamornen Couchtisch vor ihm. Kaum kommt das Getränk zugeflogen sind die ersten zwei der vier Linien schon in des Löwens Nase verschwunden. Das Lied neigt sich der zweiten Strophe zu.

Lush klappern die Zähne und er schaut immerzu nach dem Ozelot, der sich während der Ansprache Eduardos unbemerkt verdünnisiert hat. Die Zibraffen – das kann Lush von hinter der Bar sehen – bleiben schön brav hinter dem Vorhang, der ebenfalls vor Angst zittert. Die Zeichen sind auf Abschied gestellt. „Wie hatte sich Lush das nur eingebrockt? In welcher Scheiße steckt er überhaupt?“ Er hat keine Ahnung. Glücklicherweise hat ihn das Adrenalin zurück in die Realität geholt. Die letzte Strophe hat jedenfalls begonnen und der sadistische Löwe schwenkt schon genüsslich den letzten Schluck seines Martinis in dem trichterförmigen Glas. „Wo ist dieser blöde Ozelot, wenn man ihn braucht?“ Lush hat hinter der Bar keine Ahnung, was im Raum passiert. Auf jeden Fall halten alle Tiere anscheinend dicht und geben keinen Mucks; bleiben stattdessen in ihren Verstecken. Die letzten fünf Takte… Lush denkt schon daran, dass er als erstes aufspringt, um die anderen Tiere vor der Exekution zu bewahren. Doch auf einmal brüllt der Löwe schmerzerfüllt auf!

Lush kann nicht anders und wagt den Blick über den Tresen. Der Schwanz des Löwen brennt lichterloh! Der Ozelot hatte es anscheinend hinter die Couch geschafft und irgendetwas unglaublich hochprozentiges über den Schwanz gekippt und mit seinem Funhill entzündet.

Comic von Herrn Everett Glenn.

Im Anschluss hatte er sich die angelehnte Tommy Gun geschnappt und rennt damit zur Hintertür! „Alle jetzt raus!!“ Der Löwe springt wild umher und versucht auf seinen eigenen Schwanz zu treten. Die Musik ist aus und die Tiere rennen – wie Lush und die Zibraffen – zum Hinterausgang und fliehen. Der brennende Löwe nimmt die Vordertür und entschwindet in die Kanäle Londons. Eine kurze Salve des Ozelots verfehlt ihn knapp. JHS/EG/MM

Maximilian Mogg

Kreativdirektor & Chefredakteur

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