James Laurence Whitfield von P & R – Die Besprechung eines Abendanzugs

Berlin.  Nichts ist besser als ein Maßanzug!  Ich habe seit Anbeginn meiner Hingabe zur klassischen Herrenmode von einem Vollmaßanzug geträumt, leider aber mich im Wirrwarr der großen Namen der Schneiderhäuser dieser Welt nicht wirklich entscheiden können, zum wem ich für meinen ersten Bespoke gehen soll. Meine Wahl fiel schlussendlich auf Herrn James Laurence Whitfield, Schneidermeister von Purwin & Radczun in Berlin.  Warum?  Zuallererst lebe ich in dieser wundervollen Stadt und da mich das Handwerk Tag ein Tag aus begeistert und ich jeden noch so kleinen Schritt mitverfolgen möchte, ist Berlin sicherlich praktischer als meine andere große Schneiderliebe London.  Zweitens, ich als eitles Wesen habe stets den Hausstil des Londoner Handwerkers bewundert und fühle mich in den Händen des Schnittperfektionisten, des Gotts der Details und des Stilenthusiasten für das heikle Projekt Abendanzug mehr als sicher.

In guten Händen.

James Laurence Whitfield – Head Cutter von Purwin & Radczun

Herr Whitfield genoss eine Ausbildung auf der Savile Row und leitet seit mittlerweile guten fünf Jahren den Schnitt von Purwin & Radczun in Berlin.  Der geborene britische Hauptstädtler begann seine Karriere am Newham College und arbeitete von da an bei Anderson & Sheppard als coat maker.  Mit seinem Ortswechsel in die deutsche Hauptstadt wollte er einen eigenen Stil kreieren, der männlich, non-chalant und einfach zu tragen ist.  Dass er damit erfolgreich war, kann mitunter an seinem eigenen Kleidungsstil schnell erkennen:  Jedes Mal, wenn ich James sehe, denke ich, dass er für seine Klamotte geboren ist, und auch andere Herren berichten, dass sie sich nach jeder Begegnung gar nicht sicher sind, ob James eigentlich einen Anzug getragen hat oder Jeans und T-Shirt.  Die Art des Londoners sich zu kleiden, ist britisch, wie es eben nur geht, besticht durch Understatement und Selbstverständlichkeit und zeigt seine wahre Schönheit in den raffiniertesten Details.  Selbstredend kommt damit einher, dass jeder, der sich in Deutschland für Schneiderei begeistert, den Namen James Laurence Whitfield kennt und schätzt.  Somit habe ich aber auch nicht den geringsten Zweifel, dass ich den richtigen Schneider hinter dem Cutting Board stehen weiß.  Vor allem nachdem ich bei James selbst zwei Tage die Woche für ein halbes Jahr arbeiten durfte, darf ich von dem Herrn behaupten, dass er neben seinen exzellenten schneiderischen Fähigkeiten zwei weitere sehr positive Eigenschaften hat:  Er ist stets bescheiden und teilt mit jedem alle Geheimnisse der Schneiderei.  Einfach gesagt, er liebt sein Handwerk, was sich zu guter Letzt auch darin zeigt, dass er nicht nur den Schnitt kreiert sondern auch näht – nicht unbedingt typisch in den Schneiderhäusern dieser Welt.

James Laurence Whitfield am Schnitttisch.

Hausstil

Den Hausstil beschreibt man am besten mit den Worten männlich, britisch und zeitlos.  Durch hohe Armlöcher und der typischen roped shoulder line wird der Körper optisch gestreckt und man wirkt unheimlich athletisch.  Das nicht zu kleine, geschwungene Revers – eine charmante Untertreibung – unterstreicht das Ziel des Schneiders, Männer wieder wie solche aussehen zu lassen.  Damit geht die wohlproportionierte Gesamtlänge einher.  Die Taille wird nicht bis auf Anschlag schmal geschnitten: Dadurch folgt das Tuch den Formen des Trägers und presst sie nicht zusammen.  Dennoch ist die Silhouette alles andere als boxig, was nun einige Herren meinen könnten.  Die Hose werden, wenn nicht anders besprochen, hoch geschnitten, um die Beine optisch zu strecken und bestechen durch ein austariertes Verhältnis von Knie- zu Fußweite.  Ich denke, der Stil lässt sich am besten zusammenfassen mit Stilistik der 20er,  männlichen Details der 70er und dem Qualitätsanspruch der Geeks dieser Instagram-Generation.

Coolness.

Die Besprechung des Abendanzugs

Mein erster Vollmaßanzug sollte kein navy Doppelreiher werden.  Auch sollte es kein grauer Flannel werden.  Ich wollte schon immer einen kleinen Gesellschaftsanzug und dabei mache ich keinen Hehl daraus, dass ich kaum etwas eleganter finde als Abendgarderobe.  Glücklicherweise weiß ich, dass wenn ich Herrn Whitfield sage, es solle der schönste Smoking werden soll, der jemals gemacht wurde, dass er kurz schmunzelt, sich die Lippe leckt, mit den Händen zusammenklatscht und sagt, Mit Vergnügen.  Deshalb war es auch keine Überraschung, dass die Besprechung der Stildetails mit dem bärtigen Schneider kurz ausfiel.  Schade… hatte ich mich doch schon so darauf gefreut.

James’ Empfehlungen

Stoff, Lining und Facing

Das Tuch habe ich glücklicherweise schon vorher erwerben können.  Ich wollte einen möglichst schweren Stoff, da diese zumeist mit einem schöneren Fall daherkommen.  Mit 425 gr/m ist die Mischung aus Wolle und Cashmere in einer Barathea Webung in Schwarz von Harrison eine sehr gute Wahl, wie ich finde.  Die Herren, die jetzt mir erklären wollen, dass man doch eigentlich immer Mitternachtsblau wählen sollte, kann ich nur entgegnen, Danke für den Hinweis.  Beim Revers habe ich mich selbstverständlich, um mein sartoriales Unwissen für glänzendes Polyester zu unterstreichen, entschieden.  Spaß beiseite. Bernstein & Banleys aus der Heimat des Herrn Whitfield bietet eine wunderschöne, schmale Ripsseide, für die ich mich schlussendlich entschieden habe.  Beim Futter mache ich eigentlich nie Experimente… so auch am besagten Tag.  Schwarze Seide für den Korpus, weiße Seide für die Ärmel.

Grosgrain Seide von Bernstein & Banleys mit Vintage Kaschmir Barathea von Harrison.

Stildetails

Endlich kommt der Mann mal zu Potte, werden vielleicht manche Leser sagen.  Der Abendanzug ist dreiteilig.

Jacke

Die Jacke hat selbstverständlich nur einen Knopf und ein Spitzfaçon. Das Revers ist breit und geschwungen und hat keine Schlitze.  Die Schulter möchte ich als schmalschultriger Einer stark wattiert und mit Roping versehen wissen.  Die Ärmel werden mit einem Umschlag aus Seide verziert.  Die beiden Paspeltaschen sind selbstverständlich gerade und aus Seide.

So sieht das also aus, wenn man zu einem Schneider alter Schule geht.

Weste

Die Weste ist u-förmig, hat ein Revers und wird mit drei Knöpfen geschlossen.  Anstatt den Rücken mit Seide zu schmücken, haben wir uns für einen Rücken aus Stoff und ohne Gürtel entschieden.

Hose

Die Hose wird phänomenal – so stelle ich sie mir zumindest vor.  Herr Whitfield schneidet sie auf Taille und sie wird mit einem Fishtailback über dem Gesäß versehen.  Ich werde die Hose ohnehin eigentlich immer mit Hosenträgern tragen.  Die Hosen bevorzuge ich mittlerweile, wenn sie weit geschnitten sind, so dass nur wenig Schuh gezeigt wird.  Einerseits wirkt der Fuß kleiner und anderseits sind meine Storchenbeine schon schmal genug.   Um den klassischen Stil zu unterstreichen, habe ich auch nach zwei Bundfalten nach innen gebeten.  Ein zusätzlicher Wunsch war eine sogenannte Fob Pocket auf der rechten Seite über den Bundfalten mit Patte.   Die Hose wird keine Gesäßtaschen haben – warum auch?.  Die Seitentaschen werden unsichtbar in der Naht verschwinden – eine Spezialität von James… umso gespannter bin ich auf das Resultat.

Nächste Episode

James und meine Wenigkeit werden uns kurz vor Weihnacht für die erste Anprobe verabreden.  Im Anschluss folgt der nächste Artikel. MM

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Maximilian Mogg

Kreativdirektor & Chefredakteur