Huntsman – Seit jeher Schneider eines Kingsman

Anfangen möchte ich diesen Artikel über das großartige Schneiderhaus Huntsman mit einem der besten Filmzitate der letzten Jahre. Colin Firth spielt in Kingsman den Geheimagenten Harry Hart und zitiert zu Beginn einer Kneipenschlägerei William Horman:

“Manners maketh man.” Do you know what that means? Then let me teach you a lesson.

Ja, Manieren machen uns menschlich. Dass adäquate Kleidung auch ein Teil dieser Manieren ist, weiß man bei Huntsman schon seit 1849. Bei meinem Besuch durfte ich einen Traditionsbetrieb erleben, der die Transition in die moderne Herrengarderobe perfekt meistert, ohne dabei die eigene Geschichte zu untergraben.

Die alterwürdige Atmosphäre an der 11 Savile Row ist atemberaubend.

Huntsman – Henry Huntsman zieht an

Die Geschichte von Huntsman begann 1849. Henry Huntsman wurde Mitarbeiter eines Herstellers für Reitbekleidung und übernahm diesen wenig später. 16 Jahre danach ernannte das britische Königshaus Huntsman zum britischen Hoflieferant und Henry nahm seine beiden Söhne in das Geschäft auf. Der heutige Standort in der Savile Row wurde 1919 nach einem Zwischenstopp in der Albemarle Street (1898) bezogen.

Eine Reiteruniform von Huntsman: Die Historie des Hauses ist davon klar abzulesen.
Eine Reiteruniform von Huntsman: Die Historie des Hauses ist davon klar abzulesen.

Dass 2013 der belgische Hedgefonds-Manager Pierre Lagrange Huntsman übernahm, tat dem Erfolg des Unternehmens keinen Abbruch. Seither wird hochwertiges Ready-To-Wear und Made-To-Measure neben dem Bespoke angeboten. Auch die Ausstattung in dem Agentenfilm Kingsman geht auf die (Reiter-)kappe der derzeitigen Führung von Huntsman. Geschneidert werden die großartigen Stücke im Obergeschoss des Shops und man scheut sich nicht, die kritischen Augen der Kunden über die sartiorialen Kunstwerken schweifen zu lassen.

Geschneidert wird vor Ort in der Savile Row und man kann als Begeisterter ohne Weiteres dabei zusehen.
Geschneidert wird vor Ort in der Savile Row und man kann als Begeisterter ohne Weiteres dabei zusehen.

Der Stil

Die großen Hollywood-Stars ließen nicht lange auf sich warten, als das Royal Warrant verliehen wurde: Besonders Gregory Peck war ein großer Fan des Schneiderhauses der Hausnummer 11 und ließ sich hunderte Anzüge schneidern. Auch Damen wie Marlene Dietrich oder Katharine Hepburn besuchten Huntsman für ihre schneiderischen Wünsche. Durch die Kundschaft wurde der heutige Stil mitgeprägt: beim Schnitt wurde gesteigerten Wert auf die Photogenität der Kleidung gelegt.

Der Schnitt von Huntsman streckt in den Körper in luftige Höhen.
Der Schnitt von Huntsman streckt den Körper in luftige Höhen.

Der aufmerksame Beobachter sieht aber auch heute noch die equestrian elegance des Huntsman-Cut. Huntsman formte sich – wie oben beschrieben – aus einem Ausstatter für Reitbekleidung und spezialisierte sich auch nach der Übernahme durch Henry vor allem auf die Anfertigung eben solcher. Typisch für das Haus ist ein Coat aus Tweed mit klassisch schrägen Hüfttaschen und nur einem (verhältnismäßig hochsitzenden) Knopf. Die Silhouette ist eng anliegend, etwas länger als gewöhnlich und die Schulterlinie akzentuiert, aber dabei nicht unnatürlich stark. Dadurch wird der Torso des Trägers gestreckt und man erzielt den gewünschten Effekt der Photogenität: Der Träger wirkt durch den hochsitzenden Knopf stärker in der Brustpartie und durch die schmale Linie länger.

Kingsman – Bye, bye, Bond

Ein besonderes Augenmerk möchte ich auf den Film Kingsman lenken. Als der Filmproduzent und -direktor Matthew Vaughn, langjähriger Kunde des Hauses, auf seinen guten Freund Lagrange mit dem Drehbuch des Agentenfilms namens “Huntsman” zukam, war dieser ganz entzückt – Lagrange hatte zuvor schon mit Vaughn an anderen Filmen gearbeitet. Huntsman kleidete alle Agenten in dem Film ein und kreierte die eigene Ready-To-Wear Anzugslinie Kingsman, in der sich jeder Träger fühlt wie Harry Galahad Hart oder Gary Eggsy Unwin. Das für mich wichtigste an dem Film ist, dass er stolz englisches Handwerk mit britischer Coolness und Witz präsentiert und dadurch eine junge Generation an den verstaubt geglaubten Anzug heranführt. James Bond hat dafür leider ausgedient: Dieser trägt mittlerweile Anzüge des amerikanischen Designers Tom Ford und geht – meiner unwichtigen Meinung nach – zum Lachen in den Keller – Link zu meiner Kostümanalyse von James Bond.

Gefilmt wurde in dem Gebäude der 11 Savile Row, das als Hauptquartier des unabhängigen Geheimdienstes diente. Den Lift in die Katakomben des HQ aktivierte Harry Hart durch Handauflegen auf den Spiegel in der Umkleide, die auch im Alltag für Kunden genutzt wird. Gleichermaßen brachte die Szene beim Hutmacher Lock & Co. in der St. James’ Street den Zuschauer zum Schmunzeln: Bösewicht Richmond Valentine, gespielt von Samuel L. Jackson, erwirbt hier einen Seiden-Zylinder mit Abhörwanze. Getragen wurden Schuhe von George Cleverley mit eingebautem Messer, Hemden von Turnbull & Asser und Krawatten von Drake’s.

Das Kingsman-Telefon: Mit der Filmproduktion von Matthew Vaughn von 2014 war der Mythos Huntsman in aller Munde.
Das Kingsman-Telefon: Mit der Filmproduktion von Matthew Vaughn von 2014 war der Mythos Huntsman in aller Munde.

Zusatzinformationen

Erstens, Huntsman gehörte stets zu den teuersten Schneidern der Row und auch heute noch muss man für Bespoke mindestens 5.000 Pfund beisteuern. Zweitens, neben Gregory Peck kleidete das Schneiderhaus unter anderem Clark Gable, Humphrey Bogart, Winston Churchill, Eduard VII., die Rolling Stones, Gianni Agnelli, Bing Crosby, Paul Newman und Laurence Olivier ein. Drittens, ein Bespoke-Anzug von Huntsman ist wahrscheinlich das einzige Kleidungsstück, mit dem man genauso authentisch und cool wie Galahad Türen mit Regenschirmen verschließen und körperliche Auseinandersetzung in Bars gewinnen kann – mutmaßlich ist das auch der Grund, warum ein eben solcher Anzug auf meiner Wunschliste steht. Viertens, schließen möchte ich mit einem weiteren Zitat von Harry Hart:

The suit is the modern gentleman’s armour. 

MM

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Maximilian Mogg

Kreativdirektor & Chefredakteur

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