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27. Dezember 2020

Erwachsen werden

by

The Dapper Dilettante

Weihnachten ist ohne Zweifel die Zeit, in der wir am häufigsten „Ich liebe dich“ sagen. Mir fallen jedoch einige zwischenmenschliche Beziehungen ein, in denen diesem Satz noch eine kleine – natürlich unausgesprochene – Ergänzung hinzugefügt wird: „Ich liebe dich, aber ich würde dich noch viel mehr lieben, wenn du dich vernünftig anziehen würdest!“

Das Ganze beruht meines Erachtens auf einer tiefsitzenden, familiären Beziehung, in der eine Partei vorgibt, was die andere zu tragen hat. Es beginnt meist damit, dass die Mutter entscheidet, was ihr Kind anzieht. Nur ein Beispiel, das mir spontan in den Sinn kommt: kratzige Hosen, vernünftige Lederschuhe, Wollmütze – „und vergiss deinen Schal nicht!“. Alle anderen Kinder liefen das ganze Jahr über in kurzen Hosen herum und hatten immer die neuesten Sneaker, die komplett aus Plastik bestanden. Sie hingegen wurden von Ihrer Mutter so eingekleidet, dass Sie jeden Tag für Robert Falcon Scotts Südpol-Expedition bereit gewesen wären. Sie wissen ja, wie dieser Ausflug endete. Scotts Kontrahent, Amundsen, machte das Rennen.

Vor vielen Jahren fühlte ich mich wieder an diese stilistische Diktatur erinnert, die wir nur zu gut von unseren Müttern kennen. Zum Glück wurde mir keine Krawatte mit ‚lustigem‘ Muster oder ein cremefarbener Strickpullover mit Zopfmuster zum lässigen über-die-Schulter-legen geschenkt. Nein, diese Intervention war weitaus subtiler. Meine damalige Freundin schenkte mir ein Buch mit dem vielsagenden Titel Gentleman. A Timeless Fashion. Ich war sofort fasziniert. Vor allem, weil die Models auf dem Cover in einer Reihe – wie soll ich es sagen? – gewagter Outfits posierten. Ganz links ein sandbrauner Anzug, daneben ein Ensemble aus strahlend-weißer Unterwäsche, ein Morning Suit inklusive Zylinder und schließlich ein Morgenmantel mit bestickten Samtpantoffeln. Sie können sich vielleicht vorstellen, was mir dazu durch den Kopf ging. Ich war übrigens gerade 18 Jahre alt geworden und konnte mir nicht vorstellen, dass auch nur eines dieser Kleidungsstücke in nächster Zeit den Weg in meinen Schrank finden würde.

Dennoch gab das Buch viel her: Ich lernte zum Beispiel, wo man seine Hemden kauft – und noch viel wichtiger: wo nicht –, warum Huntsman eine besondere Stellung auf der Savile Row einnimmt und weshalb offene Knöpfe am Ärmel einer Anzugsjacke als ‚lower-class‘ gelten. An jenem Abend saß ich gespannt unter dem Weihnachtsbaum und saugte mit Genuss auf, was einen wahren Gentleman ausmacht. Meine Mutter hingegen interessierte sich herzlich wenig für den Lesestoff. Wenn ich begeistert aufschaute, um mitzuteilen, dass mir dieser oder jener Begriff schon etwas sagte, sah ich ihren Gesichtsausdruck. Ihr Blick war so voller Abscheu, dass man meinen konnte, das kleine rote Buch wäre ein Porno-Magazin.

Am nächsten Morgen nahm sie mich zur Seite und erkundigte sich nach der tieferen Bedeutung dieses Geschenkes. Ob das wohl ein Versuch meiner Freundin wäre, mich aus meiner dunklen Höhle stilistischer Verwirrungen herauszuholen? Ob sie mich stattdessen in das helle Licht gestärkter Hemden, berauschender Parfums und prächtiger Seide führen wolle? War meine Freundin wohl nicht zufrieden mit dem, was sie an mir hatte? Bei diesen Fragen zuckte ich zusammen wie eine Schnecke, die sich in ihr Haus zurückzog.

Doch ich verstand erst später, weshalb meine Mutter an jenem Morgen solche Argwohn verströmte: In jenem Moment wurde ihr bewusst, dass sie die Alleinherrschaft über meine Kleidung verloren hatte. Obendrein musste sie sich einer jüngeren Frau beugen, die, und das kann man mit Sicherheit sagen, ihren Sinn für Stil ganz und gar nicht teilte. In diesem Rennen war meine Mutter Scott, verlassen im eisigen Zelt, und meine Freundin Amundsen, die triumphierend ihre Fahne in meine jugendliche Brust gerammt hatte.

Spulen wir ein Vierteljahrhundert vor, denn vieles hat sich geändert. Einige Namen, die in meinem roten Büchlein oft Erwähnung fanden existieren schon nicht mehr (Ruhe in Frieden Kilgour). Manche stilistischen Tipps dürften inzwischen als veraltet gelten – auch ein Gentleman kann sich dem Lauf der Dinge nicht gänzlich entziehen. Andere Protagonisten sind inzwischen verstorben oder in Ungnade gefallen. Was bleibt also? Wir alle brauchen hin und wieder einen guten Rat, um unseren persönlichen Stil zu finden – sei es durch ein Buch, gute Freunde oder unsere Partner. Die meisten Menschen, die ich kenne, konnten zumindest nicht von der stilistischen Raffinesse ihrer Eltern profitieren. Als ich in den 80er Jahren aufwuchs gab es so etwas wie stilsichere Eltern einfach nicht.

Wahrscheinlich ist es also besser, den jüngeren Stimmen zu vertrauen und sich von ihnen mitziehen zu lassen. Heute ist mir zumindest eines bewusst: Es gibt keinen besseren Moment, um „Ich liebe dich“ zu sagen als in strahlend-weißer Unterwäsche! DDD/YS/MM