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6. Dezember 2015

Eins, zwei oder drei?

by

Maximilian Mogg

Wenn man Wikipedia in der Frage „Eins, zwei oder drei?“ Expertise zutraut, wird man von der Enzyklopädie leider enttäuscht:

„1, 2 oder 3 ist eine Quizshow für Kinder, die im ZDFtivi, KiKa und okidoki auf ORFeins (bis 2006 auch SF)ausgestrahlt wird.“ – Wikipedia

Nun gut, wir müssen die für den Anzugsträger selbstverständliche Frage anscheinend konkretisieren: Wie viele Knöpfe hat das perfekte Jackett? Einen, zwei oder drei? Die Antwort ist weitreichend, da die Knopfzahl einen starken Einfluss auf die Wahrnehmung der Silhouette des Trägers hat.

Man könnte versuchen, sich der Frage mit Hilfe der Statistik zu nähern. Definitiv ist im aktuellen Büroumfeld die zweiknöpfige Variante am meisten gesehen und sie scheint nur wenigen Männern wirklich schlecht zu stehen, so lange der obere Knöpf des Sakkos knapp über oder auf dem Bauchnabel liegt. Diese Herangehensweise ist ein erster Lösungsansatz, jedoch unterliegt der Durchschnittsherr dem Modediktat und man fühlt sich schnell an die 10 000 Fliegen erinnert, die nicht irren können. In der jüngeren Vergangenheit hingegen, war beispielsweise das Dreiknopfsakko das Maß der Dinge. Es scheint also tatsächlich auch eine Frage der modischen Trends zu sein, deren knappe Klärung auf der Suche nach zeitlosem, individuellem Stil nicht hilft.

Die Herkunft des Sakkos

Um mehr Licht in die Sache zu bringen, empfiehlt sich ein Blick in die fernere Vergangenheit, um den Ursprung des Anzugs bzw. des Jacketts zu ergründen.

Die heutige Anzugsjacke entwickelte sich aus dem Gehrock und wurde im Laufe der Jahrhunderte stetig kürzer, während die praktischen Bedürfnisse moderner Herren in die Formgebung einflossen. Beim Gehrock waren drei oder vier Knöpfe gängig, da diese Knopfzahl gut mit den Proportionen der knielangen Jacke harmonierte. Allerdings gab es schon damals vereinzelt Lösungen mit weniger Knöpfen, welche entweder dem persönlichen Geschmack oder der Konstitution des Trägers geschuldet waren. Auch gab es formell traditionelle Gründe, vom Standard abzuweichen. Ein Beispiel für letzteres bildet der Cutaway, der traditionell nur einen Knopf hatte und hat. Die Historie bestätigt also, dass es seit jeher einen modischen, zeitgemäßen Standard gibt, von welchem nur in Fällen unvorteilhafter Präsentation der persönlichen Konstitution oder der Tradition wegen abgewichen wurde. Die Knopfzahl ist also in erster Linie eine Frage des epochalen Geschmacks. Mit den Schnitten veränderte die Anzahl der Knöpfe.

Optische Wirkung der Knöpfe

Heutzutage gängig sind Knopfleisten aus einem bis drei Knöpfen. Nur wer die optische Wirkung der verschiedenen Knopfleisten kennt, ist in der Lage, nach der für ihn richtigen Variante zu greifen.

Ein dreiknöpfiges Jackett hat ein kürzeres Revers als das zwei- bzw. einknöpfige, was dazu führt, dass es seinen Träger kompakter erscheinen lässt, wohingegen das Zweiknopfsakko weder streckt, noch staucht. Herren, die über die Standardgröße hinausschießen und dies nicht unterstreichen möchten, sollten also eine dreiknöpfige Lösung in Betracht ziehen. Im Umkehrschluss sollten Herren, die Ihre Figur optisch strecken wollen, von Dreiknopfsakkos Abstand nehmen. Einen Kompromiss bilden dreiknöpfige Sakkos mit rollendem Revers. Wenn deren oberster Knopf geöffnet bleibt, verlängert sich das Revers, indem es sich aufrollt. Gerade amerikanische Hersteller wie Brooks Brothers sind dafür bekannt, Lässigkeit über Formbetonung zu stellen. Das rollende Revers  ist gerade bei Anzügen dieser Unternehmen oft zu finden. Im Vergleich zum steifen Revers wirkt es gefälliger und zwingt den Träger nicht, den oberen Knopf des Sakkos geschlossen zu halten.

Ein- und Zweiknopfsakkos gehören ihrer optischen Wirkung nach zu einer Gattung. Grund dafür ist, dass der untere Knopf des Zweiknopfsakkos selten geschlossen wird und eigentlich nur noch zierende Wirkung hat. Er ist ein historisches Überbleibsel. Der Cutaway, der wohl förmlichste Gehrock, kommt mit steigenden Revers und einem Knopf daher. Der Smoking beispielsweise, der dem Cutaway bis auf dem Schwanz stark ähnelt, hat ebenfalls klassisch nur einen Knopf und ein steigendes Revers oder einen Schalkragen. Ein einzelner Knopf an der Jacke impliziert also strikte Förmlichkeit. Er kann dadurch an einem Anzug unpassend wirken. Zu finden sind einknöpfige Anzüge dennoch, insbesondere an modischen Anzügen für schlanke Herren. Nachdem sich das Zweiknopfsakko für fast jede Statue eignet, ist es eine persönliche Stilfrage, ob man einen oder zwei Knöpfe wählt. Fakt ist: Der zweite Knopf ändert die optische Wirkung des Jacketts geringfügig, das Statement allerdings schon. Der Mann, der das Dezente liebt, wird beim Zweiknopf bleiben; derjenige, der modische Grenzen austesten möchte, wird auf den zweiten Knopf verzichten.

1, 2 oder 3? Letzte Chance… vorbei. Eine knappe Antwort ist gefragt. Die Anzahl der Knöpfe sollte in Abhängigkeit von der persönlichen Konstitution und der gewünschten modischen Positionierung gewählt werden.

Zusatzinformationen

Erstens fragen sich viele, wie eng das Sakko am tragenden Knopf – beim Zweiknopf der oberste, beim Dreiknopf der mittlere – sitzen soll. Eine beliebte Faustformel sagt: Zwei bis drei Finger sollten zwischen geschlossenen Knopf und (entspannten) Bauch passen – dann ist die Taillierung optimal. Zweitens könnte man meinen, kein traditioneller Schneider biete Einknopfjacketts an, aber ein Blick nach London offenbart überraschend: Huntsman und Richard Anderson sind Vertreter des Einknopf-Stils. Es handelt sich also um eine moderne Stildebatte, deren Ausgang nicht vorherzusehen ist. Das Einknopfsakko könnte ein kurzlebiger Trend, aber auch die Einleitung eines nachhaltigen Wandels sein. Drittens waren dieses Jahr doppelreihige Jacketts besonders in Florenz häufig zu sehen. Während korpulentere Herren von deren verschlankender Wirkung profitieren, sind auch schlanke Herren gut darin gekleidet. Diese Vielseitigkeit des Doppelreihers bietet Anlass für einen gesonderten Artikel. MM