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1. April 2016

Eine Anleitung zur Schuhpolitur

by

Maximilian Mogg

„Not the shoes tell a lot about the man, but the way he treats them.“ Diese englische Weisheit wusste insbesondere die große Stilikone Alain Delon zu würdigen, den man eigentlich nie ohne glänzenden Schuh außerhalb des Sets sehen konnte. Sein Stil war unter anderem deshalb so prägend, weil er durch seine perfekte Schuhpolitur selbst in den lässigsten Outfits elegant wirkte. Neben der Brille hat nämlich kaum ein Kleidungsstück einen so großen Einfluss auf die Gesamterscheinung wie der Schuh – und jetzt stellen Sie sich mal vor, Ihr Gegenüber trägt eine dreckige Brille. Im Sinne der englischen Weisheit bedeutet dies nun, dass ungeputzte Schuhe nicht nur an und für sich ungepflegt wirken, sondern dass der Träger auch so wirkt. Schuhpolitur fällt aber damit nicht unter Eitelkeit, sondern schlichtweg Rationalität, denn mit regelmäßiger Pflege können Sie die Lebensdauer Ihrer Schuhe mehr als verdreifachen. Außerdem macht diese uralte Tätigkeit Spaß und nimmt Geschwindigkeit aus dem sonst stressigen Alltag. So kommt es, dass auch US-Präsident Frank Underwood, gespielt von Kevin Spacey in House of Cards, seine Schuhe ab und zu selbst putzt und poliert.

Ich nehme jetzt einfach mal in meiner Naivität an, dass viele Männer (und Frauen) einfach vergessen haben, wie man die Schuhe putzt, und eigentlich gar nicht ungepflegt sind. Aus diesem Grund möchte ich in diesem Artikel praxisnah erklären, wie man Schuhe in neuem Glanz erscheinen lässt.

Die Schuhpolitur

Was ist Leder? Leder ist Haut – Überrraschung! – und damit genauso zu pflegen wie Ihre Haut. Wie pflegt man die eigene Haut? Man entkleidet sie, säubert sie und schenkt ihr Feuchtigkeit. Schuhpolitur funktioniert genau gleich.

Vorbereiten

Sie entfernen zu allererst die Schnürsenkel, damit diese nicht mit der Lederpflege in Berührung kommen. Dann entfernen Sie die Schuhspanner und legen Zeitungspapier aus. Sie bewaffnen sich nun mit einer kleinen runden und einer großen rechteckigen Schuhbürste, einer alten Zahnbürste, Farb- und Lederpflege, Schuhwachs, ein wenig Wasser, einem Stofftuch und einem Nylon-Damenstrumpf und ziehen sich eine Schürze an. Der Spaß kann beginnen.

Ein Schuh sollte immer erst von seinen Schnürsenkeln befreit sein, bevor man mit der Pflege beginnt.
Ein Schuh sollte immer erst von seinen Schnürsenkeln befreit werden, bevor man mit der Pflege beginnt.

Säubern

Sie nehmen die große Schuhbürste und bürsten das Leder des Oberschuhs mit ausreichend Kraft sauber. Falls der Schuh extrem dreckig sein sollte, reinigen Sie ihn natürlich vorher zunächst mit einem feuchten – nicht nassen – Lappen und lassen ihn kurz trocknen. Als nächstes nehmen Sie die alte Zahnbürste und reinigen die Naht, die den Oberschuh mit der Sohle verbindet, da sich hier der meiste Schmutz fängt. Um das Leder besonders gut auf die darauf folgende Pflege vorzubereiten, schwören einige noch auf den Zwischenschritt Lederconditioner. Diese Lotion wird kurz nach dem Säubern in den Schuh mit dem Stofftuch einmassiert und wirkt circa 10 Minuten ein, bevor mit der Farb- und Lederpflege fortgefahren wird. Es soll das Leder auf die kommende Pflege besser vorbereiten.

Bürsten Sie den Schuh mit der rechteckigen Bürste.
Bürsten Sie den Schuh mit der rechteckigen Bürste.

Pflegen

Das Leder kann jetzt gefettet werden. Dafür nehmen Sie neutrales oder farbiges Lederfett. Generell empfiehlt es sich, bei farbigen Lederfett immer einen Farbton dunkler zu wählen als das des Oberleders: dadurch wird der Farbton des Endresultats satter. Wenn Sie die Farbe Ihres Leders mögen, wie es ist, empfiehlt sich neutrales Lederfett. Tragen Sie nun eine kleine Menge der Pflege entweder mit der kleinen runden Bürste oder gleich mit dem Stofftuch grob auf. Massieren Sie es nun mit Druck in kreisenden Bewegungen in das Leder ein und lassen Sie es im Anschluss 10 Minuten einwirken. Das Leder nimmt sich das, was es braucht, und lässt die Überreste auf der Oberfläche über. Diese Überschüsse können Sie danach abbürsten und bei Bedarf auch nochmal mit einem Stofftuch darüber wischen.

Bringen Sie mit der kleinen Bürste das Lederfett auf den Schuh.
Bringen Sie mit der kleinen Bürste das Lederfett auf den Schuh.

Wachsen

Die Pflege an sich ist nun beendet. Man kann auch an dieser Stelle in der Tat mit der Pflege aufhören, denn das Soll ist erfüllt: Der Schuh hat seine Farbe wieder und das Leder ist gefettet. Der wahre Gentleman gibt sich aber damit nicht zufrieden. Er möchte die Pflege durch eine oder mehrere Wachsschichten länger erhalten, den Schuh wasserunempfindlich machen und ihn nebenbei zum Strahlen bringen. Dafür benetzen Sie das Leder mit (wirklich) wenig Wasser oder mischen das Wachs mit einer Messerspitze Wasser vorsichtig am stofftuchumschlugenden Finger an und massieren die Wachsschicht in kreisenden Bewegungen auf.

Eine winzige Menge Wasser reicht vollkommen.
Eine winzige Menge Wasser reicht vollkommen.

Je mehr Schichten Sie auftragen, umso mehr Wachs baut sich auf dem Schuh auf und umso mehr glänzen die Schuhe. Mir reicht der Glanz von zwei Schichten Wachs; jede Schicht mehr finde ich nur zum Smoking wirklich passend. Ansonsten wirkt es meiner Meinung nach schnell affektiert und kokettiert auch den Sinn des Wachsens. Die glänzende Optik ist ja wie eingangs zum Absatz erwähnt nur Nebenprodukt und nicht Hauptabsicht des Vorgangs, aber das ist sicherlich Geschmacksache. Nachdem das Wachs nach wiederum 10 Minuten eingezogen ist, polieren Sie den Schuh zunächst mit Hilfe des Stofftuchs, dann mit dem Damenstrumpf auf Hochglanz. Die Resultate des Nylon-Strumpfes sind beim Finish unübertroffen.

Durch den Geheimtipp Damenstrumpf bringen Sie Ihre Schuhe richtig zum Strahlen.
Durch den Geheimtipp Damenstrumpf bringen Sie Ihre Schuhe richtig zum Strahlen.

Der polierte Schuh ist jetzt fit für den Alltag und vorerst kein Wetter kann dem Schuh etwas anhaben. Also, meine Damen und Herren, folgen Sie dem Rat der Band Gorillaz in ihrem Song 19-2000: Get the cool! Get the cool shoeshine!

Die Schuhpolitur hat ihr Soll erfüllt: Ein gepflegtes Paar Oxfords ist fit für den Alltag.
Die Schuhpolitur hat ihr Soll erfüllt: Ein gepflegtes Paar Oxfords ist fit für den Alltag.

Zusatzinformation

Erstens pflegen Sie nicht nur das Leder des Oberschuhs, sondern auch das Sohlenleder von Zeit zu Zeit. Bürsten Sie dafür – nach einer längeren Eintragephase ab – die Sohle einmal ordentlich ab und tragen Sie dann Ledersohlenöl auf die Sohle auf bis die Sohle das Öl nicht mehr aufnimmt. ACHTUNG: Das Öl sollte nicht mit dem Leder des Oberschuhs in Berührung kommen; die Flecken kriegen Sie wohl kaum wieder raus. Zweitens spricht meiner Ansicht nach nichts dagegen im Herbst für die kommende kalte Jahreszeit die Sohlen mit einer dünnen Gummischicht zu beziehen. Die Sohle und damit der Fuß wird dadurch vor dem kalten und nassem Wetter viel besser geschützt. Drittens sollten Sie in gute Schuhspanner investieren, um die Lebensdauer Ihres Schuhs weiter zu erhöhen. Sparen Sie hierbei nicht an der falschen Stelle und kaufen Exemplare mit keiner richtigen Ferse: Diese zerstören nämlich die Form Ihres Schuhs und sind somit eher schlecht als recht. Viertens im Pariser Swann Club wird seit Jahrzenten George „Beau“ Brummels‘ (1778-1840) Hobby gefrönt, die Schuhe mit Champagner zu putzen. Natürlich werden die Schuhe nicht mit irgendeinem Champagner, sondern mit einer Brut von Dom Perignon unter Mondschein benetzt. Warum der ganze Quatsch? The alcohol makes shine, but it must be chilled; it must be a very dry, a grand champagne, sagt Olga Berluti, Erbin des Hauses Berluti. Der Alkohol entfernt das Wachs; die Trockenheit des Schaumweins ist wichtig, weil zu viel Zucker die Schuhe schmutzig macht. Die niedrige Temperatur fixiert das Wachs besser auf dem Schuh. Natürlich kann man nur mit venezianischen Leinen den schönsten Schein erzeugen. Und der Mondschein? The moon gives transparency to leather. The sun burns; the moon burnishes. Ich kann nur sagen, dass das Preis-Leistungsverhältnis bei der Politur mit Wasser wahrscheinlich besser ist. MM