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26. Juli 2020

Ein Amerikaner in Monaco

by

Noah Werner Winslow

Einer von drei Bewohnern Monacos ist Millionär – so die Statistik. Ich weiß nicht, ob ich dieser Aussage Glauben schenken soll. Vielleicht trifft das nur auf die ständigen Einwohner zu, sofern sich der Jetset überhaupt für solch eine Definition eignet. Geblendet vom strahlenden Sonnenschein, schaute ich mich mit zugekniffenen Augen um und stellte fest: Ich sah offenbar keinen einzigen von ihnen in den Gassen des Fürstentums.

Es ist natürlich möglich, dass sie sich auf ihren Yachten versteckten; die im Hafen ankernde Flotte war größer als die der meisten Marinen. Hier wäre also reichlich Platz für den einen oder anderen Millionär. Ich denke, im Großen und Ganzen ist Monaco eine Stadt für Menschen, die das Leben mit mehr oder weniger fairen Mitteln gemeistert haben. Zugegeben – und dabei muss ich etwas schmunzeln – ich gehöre nicht dazu.

Mein erster Vormittag in Monaco begann früh. Ich habe eine Schwäche für das Licht der frühen Morgenstunden – vor allem in Städten. Dabei ist es mir egal, wo genau der Ort liegt. Das Licht und die Atmosphäre der Morgenstunden machen eine Stadt einzigartig. Vor allem ist diese Zeit meistens sehr viel angenehmer, um einen Ort zu erkunden als die Abendstunden mit ihrem dichten Gedränge. Noch dazu ist es morgens noch schön kühl und es weht eine leichte Brise, die einen Moment des Luftholens gewährt – bevor die brütende Hitze des Tages einsetzt. Es dürfte also keine Überraschung sein, dass ich auch am Morgen schon gerne Baumwolle trage.

Ich schätze Baumwolle genau aus den Gründen, aus denen sie vielen Menschen missfällt: Sie verblasst, knittert und verändert mit der Zeit ihre Form. Es trifft sich, dass mir diese Eigenschaften sehr zusagen. Wie jene Leute, die darauf bestehen, dass der Charme von Leinen im Knittern liegt, bin ich der Meinung, dass Baumwolle so angenehm ist, weil sie sich mit der Zeit (ver)formt.

Heute Morgen trug ich einen blauen Anzug, der ein paar Töne heller ist als Navy – aber noch nicht Royalblau. Dazu ein weißes, gestricktes T-Shirt und Espadrilles. Ja, ich weiß, Espadrilles… Aber wenn es einen Ort gibt, an dem Espadrillas akzeptabel sind, dann ist es die Côte d’Azur. Der Anzug ist einreihig, und mit seinem steigenden Revers wirkt er stilvoll und zugleich etwas verwegen.

Wie sich herausstellte ist Monaco ein Ort, an dem es sich wunderbar aushalten lässt, wenn man sich der Untätigkeit und dem Konsum hingibt. Das kommt mir gerade recht, denn ich habe daran großen Spaß – mir ist bewusst, dass ich mit dieser Haltung dem Stereotypen meiner Landsleute vollkommen gerecht werde. An jeder Ecke finden Sie Restaurants, Cafés, Bars und Geschäfte, in denen Sie sich verausgaben können. Sogar die Ausflugs- und Besichtigungsmöglichkeiten in der Nähe stehen für pures Vergnügen: Ein Muss sind die Stufen vor dem Hotel Carlton, über die Grace Kelly einst schritt.

Besonders wohl fühlte ich mich auf dieser Reise in einer leicht verblassten, gelben, zweireihigen Leinenjacke. Sowohl die Farbe als auch das Material passen perfekt zu Monaco, und sie lässt sich gut mit einer mittelgrauen Fresco-Hose (mit Bundfalten und Umschlag, vielen Dank!) tragen. Dazu kombinierte ich ein Paar weiche, braune Loafer aus Leder.

Natürlich kann ich mich nicht über Monaco auslassen, ohne die Casinos zu erwähnen. Es gibt meines Erachtens tatsächlich nur ein einziges, das wirklich sehenswert ist. An dieser Stelle sollte ich vielleicht erwähnen, dass ich wahrlich kein Spieler bin. Ich kenne noch nicht einmal den Unterschied zwischen Texas Hold’em Poker und Quartett. Nichtsdestotrotz bin ich überzeugt davon, dass jeder zumindest ein Mal das Ambiente des Monte Carlo Casinos erlebt haben muss. Da ich es etwas unschicklich finde, ein Casino bei Tageslicht zu betreten, habe ich mich bis zum Anbruch der Nacht zurückgehalten. Ein glücklicher Zufall wie sich herausstellte. Wenn ich schon gefährlich große Summen Geld verzocke, möchte ich mich wenigstens so einkleiden, dass ein Rest Würde übrig bleibt.

Kommen wir also zu meinem Côte d’Azur-Smoking: Normalerweise vermeide ich den Glanz von Mohair, aber bei dieser Gelegenheit konnte ich nicht widerstehen. Ich trug also einen pechschwarzem Smoking aus mittelschwerem Mohair, mit einem steigenden Revers, das mit glatter Seide überzogen war. Die Hose hat selbstverständlich keinen Umschlag und ihre Beine sind etwas schmaler geschnitten als ich es gewohnt bin. Dazu trug ich eine Single-End-Schleife und Loafer aus Lackleder.

Ich werde Monaco sicherlich wieder besuchen, aber – nach reiflicher Überlegung – werde ich mir das Casino beim nächsten Mal vermutlich sparen. NWW/YS/MM