Edward Sexton – Der Avantgardist

Three spoons of coffee, three spoons of sugar and a dash of milk, please!, sagte ich dem Barista im Londoner Bezirk Knightsbridge. Mit Edwards Kaffee und zwei Espressi bewaffnet – Dominic und meine Wenigkeit wollten ja auch ein koffeinhaltiges Heißgetränk – begab ich mich dann in den ersten Stock des 26 Beauchamp Pl, um einen Traum von mir zu erfüllen: meinen ersten Anzug bei Edward Sexton in Auftrag zu geben.

Warum ist Edward Sexton für mich die Stilikone?

Edward Sexton lernte 1967 in seiner Zeit bei Donaldson, Williams and Ward nach seiner Ausbildung bei Häusern wie Jerry Vanderstine, Harry Hall, Cyril A. Castle, Kilgour und Welsh & Jefferies den jungen Verkäufer Tommy Nutter kennen. Schnell wurde Tommy klar, dass er mit Edward zusammen Großes erreichen kann und sie fingen an, für Klienten privat neben dem Geschäft zu schneidern. Es wurde der berühmte Stil von Nutter und Sexton entwickelt, der sich durch ein sehr breites Revers, eine schmale Taille und parallellaufenden Hosen auszeichnete. Das Geschäft florierte und die beiden eröffneten auf der Savile Row den Shop Nutters of Savile Row. Das Establishment schüttelte nach 120 Jahren ohne Neuerungen auf der (leicht angelaufenen) goldenen Meile der Schneider nur den Kopf: Die beiden Entrepreneure haben provokative Schaufenster in den wildesten Farben – so die Legende – mit fallusähnlichen lila Kerzen verziert; der Stil war durch die starke V-Form und streckende Wirkung der hochsitzenden Schultern für das leicht eingestaubte und erzkonservative Klientel der Straße nervenaufreibend. Die Stars ließen nicht lange auf sich warten und so orderten Mick und Bianca Jagger ihre Hochzeitkleidung und John Lennon und Paul McCartney ihr Outfit für das Albumcover Abbey Road bei Edward und Tommy – Yoko Ono konnte auch hierbei John Lennon nicht von der Seite weichen. Eine Marke und ein Stil waren geboren. Auch heute noch kleidet Edward die Musikwelt ein: Teil seiner Klientel sind Elton John, Annie Lennox und Pete Dorothy.

Annie Lennox zeigt den perfekten Sexton Schnitt.
Annie Lennox zeigt den perfekten Sexton Schnitt.

1982 wechselte der Shop von Savile Row 35a zu den Hausnummern 36-37 und Edward, der, nachdem Nutter das Geschäft verlassen hatte, seit 1976 der Managing Director war, nannte ihn um in Edward Sexton. Vor 25 Jahren zog Edward dann mit dem Geschäft in die heutige Adresse in Knightsbridge.

 

Der Stil

Doch es ist nicht nur die Unternehmensgeschichte, die den Betriebswirt und Entrepreneur in mir begeistert, sondern auch der einzigartige Stil, für den das Haus Edward Sexton steht: Die Konstruktion ist weich, die Armlöcher sitzen hoch, die Schultern werden durch eine gekonnte Polsterung akzentuiert und mit einem breiten Revers ausbalanciert. Die Taille der Hose liegt auf der Hüfte. Durch diesen Stil kann Tageslicht zwischen den Armbeugen und Beinen durchfließen und die Silhouette wird dadurch optisch verlängert und verschlankt. Man fühlt sich darin größer, sicherer und selbstbewusster. In den Swinging Sixties kamen dann natürlich noch die starken Farben ins Spiel. Diese sieht man heute nicht mehr so stark wie vorher, der Schnitt ist aber noch unverkennbar.

Diesen Schnitt kann nur einer: Edward Sexton.
Diesen Schnitt kann nur einer: Edward Sexton.

 

Die Textur

Dominic Sebag-Montefiore, ausgebildet auf der Savile Row bei Marc Sedwell, der seit 2007 als Creative Director und Cutter mit Edward zusammenarbeitet, möchte dessen bahnbrechenden Stil beibehalten und verfeinern. Das Spiel mit den Stoffen ist seine Leidenschaft und die Industrie gibt es her. Er erklärt bei der Vermessung, dass das, was vor 10 Jahren die Wiedereinführung der Farben war, heute das Spiel mit den Texturen der Stoffe sei – der Vorteil an dem Spiel mit Textur ist meiner Ansicht nach auch, dass man sich hier nicht so schnell dran leid sieht, wie bei starken Farben. Die experimentierfreudige Entwicklung der Textilindustrie lädt zur Kreation neuer Looks ein. Beispielsweise kannte man früher elastische Stoffe aus komplett natürlicher Faser gar nicht: Der Schnitt kann dadurch ein wenig enganliegender werden.

Am einfachsten und eindrucksvollsten lässt sich das an der Wahl meines Stoffes für den Anzug zeigen: Ich wollte für meinen ersten maßgeschneiderten englischen Anzug einen zeitlosen Look. Es sollte nicht zu flamboyant werden, aber auch nicht zu klassisch. Ich sagte: 6 buttons, double-breasted, medium blue, please… the rest ist basically up to you. Bei der Stoffauswahl war das dann aber nicht mehr so einfach. Wir hatten an die zehn Mittelblau auf dem Tisch und ich hatte die Qual der Wahl. Die Stoffe unterschieden sich farbtechnisch kaum von einander und es war schlussendlich nur die Textur, die für den Unterschied sorgte. Ist der Stoff mit Seide veredelt, ist er glatter und gläzender; handelt es sich um Flannel, versickert das Licht quasi im Stoff. Kaschmir vermittelt einen anderen Eindruck als Schurwolle und so weiter und so weiter. Dominic erklärt:

Men playing with colour is established by now. Working with texture is the next step and the possibilities are endless.

Man fragt sich also, welcher Stoff passt am besten zum Zweck und dem persönlichen Stil. Doch das interessante dabei ist bei Licht betrachtet, dass komplett neue moderne Outfits entstehen können. Dominic erzählte von einem Sakko aus dunklem Cardiganstoff, das er sich geschneidert hat. Durch die Textur wurde das sonst dunkle Sakko casual und kann so ohne Probleme mit einem weißen T-Shirt, aber auch durch den Schnitt und die Farbe bedingt sehr formell mit weißem Hemd und Krawatte getragen werden. So hat er durch den Stoff das sonst klassische und formelle Stück wandlungsfähig gemacht: zukunftsweisend und genau im Sinne des Unternehmergeists bei Edward Sexton. Speziell für das junge Klientel können solche Looks zu Magneten werden, weil Versatility (Wandlungsfähigkeit) für den jungen Herren ein wichtiges Kaufargument ist. Er möchte zu jeder Zeit und Gelegenheit richtig und modern gekleidet sein und trotzdem nicht einen begehbaren Kleiderschrank mieten müssen. Das Spiel mit den Stoffen ist da sicherlich ein sehr guter Weg im Vergleich zum Farbexperiment.

Off-Shore Bespoke bei Edward Sexton

Doch nicht nur die Wandlungsfähigkeit der Kleidung ist dem jungen Klientel wichtig. Nein, auch der Preis selbstverständlich. Der Kunde wird zwar qualitätsafiner, aber hat nicht unbedingt einen dickeren Geldbeutel. Dominic hat deshalb mit Edward über Jahre einen Made-To-Measure-Service ausgetüftelt, der keinen Kompromiss darstellt, wie sonst oft bei anderen Häusern. Dominic meint:

I see so many made-to-measure suits which display a clear lack of understanding of balance, proportion and finesse. These suits do not justify the considerable prices paid for them. They are made by companies that run as businesses, by people who lack expertise in the art-form of bespoke tailoring. 

Er ruft deshalb seinen Offshore Bespoke-Anzug ins Leben: Es ist eine Fusion der traditionellen Maßschneiderei und modernen Schneider-Technologie. Die Muster werden – wie bei Bespoke – von Edward und Dominc von Hand zugeschnitten. Die Anzüge sind fully canvassed, das Revers gepolstert, die Armlöcher perfekt gesetzt und die Knopflöcher und das Top-Stiching handvernäht – alles bei Sextons Standards, und keinen geringeren. Nach 6 bis 8 Wochen kann bereits das erste Fitting stattfinden. Jede weitere Veränderung wird vom Team in London angepasst, um sicherzustellen, dass der Anzug am Ende perfekt sitzt. Durch diese Liebe zum Detail schaffen es die Herren, den Anzug großartig an die Silhouette des Kundens anzupassen, wie es normalerweise nur in der Maßschneiderei üblich ist.

Dominic achtet auf jedes Detail.
Dominic achtet auf jedes Detail.

 

Wieder fügt sich das Konzept perfekt in den Unternehmergedanken des Hauses ein und bereitet es vor für die Zukunft des Master-Tailorings. Die junge Kundschaft bekommt die Möglichkeit für weniger als die Hälfte des Bespoke-Preises ein Stück Meisterkunst ihr Eigen zu nennen. Sebag-Montefiore hat dazu das Schlusswort:

We don’t pretend it is bespoke, but it is as close as you can get.

 

Zusatzinformationen

Erstens, nicht nur die Anzüge sind eine Spezialität des Hauses auch die Accessoires und Hemden von Edward Sexton sind großartig. Im Onlineshop kann man die Stücke sogar erwerben. Zweitens, für alle Batman-Fans – wie ich es einer bin: Niemand geringeres als Tommy Nutter hat den Edwards Sexton-Stil auf die Leinwand gebracht. Jack Nicholson trug als Joker ein Kostüm von ihm und hat damit für alle Zeiten die Rolle des Jokers im Stil geprägt. Drittens, das Endresultat von Dominic und Edward gibt es natürlich auf meinem Instagram-Account maximilian.mogg zu sehen. Für den Begeisterten empfiehlt es sich, den Zweireiher zunächst anzugucken und dann mit oder ohne mich einen Termin mit Dominc auszumachen. Viertens, ein Stück Lebensweisheit von Dominic: Whenever I am really stuck at something, my mother told me: “You have to draw a circle around yourself and step out of it. And then draw another circle around you and step out of it.” Normally I know then what to do.  MM

 

Das Atelier in Knightsbridge ist Kult.
Edward Sexton
26 Beauchamp Pl
London SW3 1NJ
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Instagram

 

Maximilian Mogg

Kreativdirektor & Chefredakteur

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