────

25. November 2015

Die Schnürung macht den Unterschied

by

Maximilian Mogg

Wenn man die Gravitation als wohl wichtigste Kraft im Universum bezeichnet, gibt es nur drei wirklich wichtige Investitionsgebiete: Bett, Stuhl und Schuh. Eines davon fällt in den Themenkreis meines Journals und tatsächlich hat kaum ein Kleidungsstück einen so starken Einfluss auf die Gesamtwirkung wie der Schuh. Einerseits zerstört ein schlechter Schuh Füße, Gelenke und den Rücken, andererseits kann ein hochwertiges Paar auf alle anderen Kleidungsstücke ausstrahlen und selbige stark aufwerten. Die zuvor genannten Aspekte allein, aber auch die Langlebigkeit hochwertiger Schuhe rechtfertigen die Investition von Zeit und Geld in diesem Bereich der Herrenmode. Selten ist ein gutes Paar für unter 500 Euro zu ergattern. Eine intensive Auseinandersetzung mit der Materie lohnt sich, um Angebote auf ihr Preis-Leistungsverhältnis prüfen zu können. Wichtige Merkmale eines Schuhs sind das Leder des Obermaterials und dessen Musterung, die rahmengenähte Sohle inklusive des Absatzes sowie die Art der Schnürung. Typisch für viele Männer ist, dass sie sich sofort auf die – teilweise handwerklich beeindruckenden – Kleinigkeiten eines Schuhs stürzen, anstatt einen Schritt vorher anzufangen und sich zu fragen, wofür bzw. für welchen Anlass sie den Schuh gebrauchen möchten. Für sehr förmliche Anlässe? Für das Büro? Für den „lockeren Freitag“ und das Wochenende? Sich in dem Wust der englischen Schuharten zurechtzufinden, ist allerdings nicht einfach. Ein markantes Merkmal, anhand dessen sich die Formalität eines Schuhs einschätzen lässt, ist die Schnürung des Schuhs. Zu unterscheiden ist zwischen einer offenen und einer geschlossenen Schnürung. Um diese allgemein klingenden Begriffe besser zu verstehen, ist ein Blick in die Vergangenheit britischer Schumacherei notwendig.

Historie

Fangen wir an mit den Hauptvertretern der beiden Schnürarten für den gutbekleideten Edelmann: dem Derby mit offener und dem Oxford mit geschlossener Schnürung. Dem anglophilen Geographen bleibt nicht verborgen, dass britische Städte bei der Namensgebung Pate standen: Derby, eine Arbeiterstadt zwischen Nottingham und Sheffield gelegen, und Oxford, die edle akademische Hochburg im Nordwesten von London. Es liegt nahe, die Schuhe dem jeweiligen Ortscharakter zuzuordnen. Die Antwort ist jedoch nicht allein in der Geographie zu suchen.

Die offene Schnürung

Derbies hören in Amerika auf den Namen „Blucher“. Bluchers sind „benannt nach dem preußischen Generalfeldmarschall Blücher, der 1815 zusammen mit Wellington in Waterloo Napoleon geschlagen hat. Seine Soldaten trugen angeblich offen geschnürte Stiefel.“ (Roetzel, B.: Der Gentleman – Handbuch der klassischen Herrenmode, Der Formelle Schuh mit offener Schnürung, Printed in India, 2014, Seite 160) Der Graf von Derby gab wohl Anfang des 19. Jahrhunderts aufgrund seines hohen Fußrist einen eben solchen Schuh in Auftrag, womit sich der in Europa eher geläufige Name Derby erklären lässt. Der Derby war ab ca. 1850 ein sehr beliebter Schuh für die Jagd. Dies liegt vor allem an seinem Alleinstellungsmerkmal: der offenen Schnürung. Die Seitenteile des Schuhs, die die Schnürlöcher tragen, sind auf das Obermaterial aufgenäht und das Vorderblatt, also der Teil des Schuhs, der Spann und Zehen bedeckt, geht in die Zunge über. Der Vorteil dieser Konstruktion beim Begehen schwereren Geländes ist, dass der Schuh durch die aufgenähten Seitenteile sehr einfach enger und weiter geschnürt werden kann. Dadurch passt er zudem sehr verschiedenen Fußbreiten. (Loake Shoemakers: Oxford vs. Derby) 

Die geschlossene Schnürung

Bei einer geschlossenen Schnürung hingegen sind die beiden Seiten des Oberleders, die von den Schnürsenkeln zusammengezogen werden, unter dem Obermaterial des Schuhs eingenäht. Unter den Seiten befindet sich die angehängte Zunge, also ein unter der Schnürung liegendes Lederstück. (Roetzel, B.: Der Gentleman – Handbuch der klassischen Herrenmode, Der Formelle Schuh mit geschlossener Schnürung, Printed in India, 2014, Seite 158) Zur Entstehung der Oxfords existiert die Theorie, dass diese Schuhe aus einem vorangegangenen populären Schuhmodell mit Seitenverschluss, wahrscheinlich ähnlich dem bayrischen Haferlschuh, entstanden sind. Nachdem der Verschluss in die Mitte gewandert und der Schuh generell leichter geworden war, wurde er zum favorisierten Modell der Oxforder Studenten. (Loake Shoemakers: Oxford vs. Derby) Diese übernahmen regelmäßig führende Positionen in der britischen Wirtschaft; sie bestimmten also den Kleidungsstil der traditionell formellen Anlässe klar mit. Oxfords sind aufgrund ihrer Konstruktion weniger flexibel als Derbies, weshalb sie sich für die einfachere Bevölkerung aus praktischen Gründen nicht als Alljahresschuh, der sich mit verschiedenen Sockendicken tragen lässt, eigneten. Colorandi causa: Die Amerikaner nennen ihre Oxfords Balmorals. Der Begriff stammt von dem schottischen Schloss Balmoral Castle und wurde von schottischen Einwanderern in die Vereinigten Staaten mitgebracht.

Anwendungsgebiete

Beide Schuhformen sind mit oder ohne Kappe und mit oder ohne Lochmuster (Brogueing) in allen Farben und Ledern erhältlich. Generell gelten drei Faustformeln (priorisiert): 1. „Je glatter und glänzender das Leder, desto formeller.“ 2. „Je dunkler der Schuh, desto formeller.“ 3. „Je mehr Löcher den Schuh zieren, desto informeller.“ Diese drei Regeln sind perfekt, um die Entscheidung der Schuhwahl schnell anhand offensichtlicher Merkmale zu treffen und sich nicht die genauen Unterschiede zwischen beispielsweise Full-Brogue (Wingtip-Kappe) und Semi-Brogue (gerade Kappe) merken zu müssen.

Schwarze Oxfords mit gerader Kappe werden zu förmlichsten Anlässen von Staatsempfängen über Hochzeiten bis hin zu Begräbnissen getragen; poliert und mit Seidenschnürsenkeln versehen, kann er selbst zu Black- und White Tie-Anlässen getragen werden. Auch im Büro kann diese Schuhform jeden Tag auf jedweden feinen Anzug getragen werden. Für den Blazer und damit zur Jeans und zur Chino ist er allerdings in Schwarz zu fein; es muss unseren Faustregeln nach auf Rauleder und/oder andere Farben, wie beispielsweise Braun oder Burgund, zurückgegriffen werden. Unser Vergleichspartner, der Derby, tut sich meiner Ansicht nach im konservativem Büroumfeld schwer: nur im schwarzen und dunkelbraunen Glattledergewand ist er hinreichend förmlich, aber dem Oxford dennoch unterlegen. Derbies punkten dafür in der Freizeit auf Jeans und Chino, wozu der Oxford zu formell ist.

Kaufempfehlung

Vor dem Kauf eines neuen Paares sollten Sie sich also fragen, wofür Sie den Schuh benötigen bzw. wann und wo Sie ihn verwenden wollen. Wenn Sie sich Ihrer sicher sind, können Sie sich auf die Jagd machen und ahnunglosen, meist provisionsgesteuerten Empfehlungen gewiefter Schuhverkäufer geschickt entgehen.

Womit Sie definitiv nichts falsch machen können, ist ein glatter, schwarzer Oxford mit gerader Kappe.

Meine Meinung

Ich persönlich bin ein Freund davon, sich eher einen Tick zu formell zu kleiden, und ziehe deshalb den Oxford dem Derby vor. Das Einsatzgebiet des Derbys ist nach oben hin zu beschränkt, um sinnvoll in viele Modelle des Schuhs zu investieren. Zweifelsohne gehört er dennoch in einen gut aufgestellten Schuhschrank und da die Gravitation jeden Tag wirkt und man bekanntlich nicht denselben Schuh auf zwei aufeinander folgenden Tagen tragen sollte, um das Leder nicht unnötig zu belasten, empfiehlt es sich, mehrere Paare hochwertiger Schuhe beider Modellformen sein Eigentum zu nennen. Außerdem wird es auf Dauer langweilig, ständig nur das gleiche Schuhmodell zu kaufen, weshalb man in beide Grundmodelle nach eigenem Gusto und Geldbeutel investieren sollte.

Zusatzinformationen

Um ganz genau zu sein: Erstens gibt es Unterschiede zwischen Derbies und Bluchers im Schnitt der Seitenteile.  Der Blucher besteht in der klassischen Variante aus einem Stück Leder, während der Derby aus zwei oder drei Teilen aufgebaut ist. Die beiden Spielarten der offenen Schnürung sind allerdings so eng verwandt, dass sie der selben Tragekultur unterliegen. Beide sollten mit einer Kreuzschnürung gebunden werden. Zweitens ist der Balmoral eigentlich ein Teil der Familie der Oxfords, damit also kein eigener Familienbegriff wie Oxford und zeichnet sich durch eine horizontale Naht parallel zur Sohle verlaufend aus. Historisch betrachtet war der Balmoral ein Stiefel und hatte die horizontale Naht, damit der Fuß bei nassem Wetter trocken blieb – ein typisch schottisches Problem. Die Modelle mit geschlossener Schnürung sollten im Gegensatz zu denen mit offener Schnürung mit einer Parallelschnürung gebunden werden. Drittens, die momentan sehr beliebten Monks sind eine besondere Art von Schuh und bedürfen eigentlich eines eigenen Artikels. Generell sind die Schnallenschuhe zwischen Oxford und Derby anzusiedeln. Ihre formelle Obergrenze liegt deshalb bei wichtigen geschäftlichen Meetings; im Casual-Bereich sind sie nur in informellen Ledervarianten oder Farben tragbar.  MM