Den Anlass gebe ich mir selbst

Es ist zum Verzweifeln, liebe Leser!  Man wird als Schneider quasi täglich mit der Frage „belästigt“: “Aber wann soll ich DAS denn tragen?”  Nicht, dass die Frage an und für sich unberechtigt wäre, aber damit schwingt bei durchweg klassischer Herrengarderobe häufig stattdessen der Wunsch mit, dass der Träger dem Beobachter gefallen will/muss.  Das ist wiederum an und für sich nicht ganz falsch gedacht, da man sich doch für das Gegenüber chic macht, um ihr oder ihm Respekt zu erweisen.  Aber auf der anderen Seite kann es doch einfach nicht angehen, dass man sich aufgrund von falschem Gruppendruck – denn das ist es eigentlich, was es ist – atmosphärischem Unsinn unterwirft.  Nur weil hier die Diaspora der Armut regiert, muss das nicht Ihr Wohlsein beeinträchtigen und Sie müssen sich sicherlich nicht in T-Shirts zwängen, in denen Sie sich so überhaupt nicht sehen.  Wenn Sie sagen, abends möchte ich in einer Bar einen Smoking tragen, weil es nun mal DER Abendanzug ist, dann tun Sie es.  Wenn die komplette Chefetage sich (ver)kleidet, als wäre sie eine Boyband aus den frühen 2000ern und Sie sich deshalb vor dem Doppelreiher scheuen – “er wirke zu chefhaft” – und ihn nicht tragen möchten, dann tun Sie es – die Herrschaften, die wegen zu guter und korrekter Garderobe gefeuert wurden, möchte ich immer noch kennenlernen.   Wenn Sie in Ihrer heimischen Stube nur im Oberhemd und Hose herumtraben, um sich beim Bücherlesen erst richtig in die Welt von Evelyn Waugh einzuknuddeln, dann tun Sie es.  Haters gonna hate alias dem Ketzer seinen Kummer!  Gehen Sie mit gutem Beispiel und breiter Brust voran!  Sie sind einer der wenigen!  Der Highlander!  Sie (re)präsentieren nur Ihr Selbst.  Zur Entspannung und zu guter Letzt, ich pflege nicht das Diktat.  Im Gegenteil: Jeder sollte das tragen, worin er sich wohl fühlt.  Kleidung sollte Ihnen nicht nur passen, sondern Ihr Selbst unterstreichen.  Aber eigenem Geschmack und Bauchgefühlen nicht zu folgen, führt auf Dauer zu einem verdrossenen Allerweltsgesicht.  In diesem oder einem anderen Sinne (und mit viel Wiener Schmäh) … ich wünsche Ihnen Frohe Ostern!

Am Rande bemerkt

Ich liebe meinen Beruf – kein Wiener Schmäh. MM/JHS

Der Artikel entstand durch ein Gespräch mit einem österreichischen Philosophen. Ich widme ihm ihn.
Maximilian Mogg

Kreativdirektor & Chefredakteur

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