Dege & Skinner – Die Familie(nunternehmer)

Ich durfte in meiner kurzen Karriere als Journalist schon einige Geschäften erleben, die meinen, man müsse (vermeintlich) hochwertiges Handwerk in einer besonders sterilen, arroganten und gelackten Atmosphäre präsentieren. Immer mehr lerne ich für mich selbst, dass gerade das der erste Schritt ist, um mich als Kunden zu verlieren. Ich möchte mit den Menschen, die das Produkt kreieren, die es lieben, die es leben, in Kontakt treten und sowohl fühlen als auch lernen, warum die Produkte besser sind als eben solche aus dem Kaufhaus. Ich weiß, dass ich mit dieser Ansicht nicht der einzige in der Welt bin und selbst in London, der Stadt, in der der kalte kapitalistische Wind momentan besonders weht, findet man Läden, die einen an eine Familie erinnern: Willkommen bei Dege & Skinner!

Das Schaufenster ist von Kennern geschätzt: Es soll das schönste der gesamten Savile Row sein.
Das Schaufenster ist von Kennern geschätzt: Es soll das schönste der gesamten Savile Row sein.

Dege & Skinner – Ein zielstrebiger Deutscher in London

1865 entschloss Jacob Dege, sich in London auf der Conduit Street No. 13 mit dem Schneiderhandwerk selbstständig zu machen. Dege war ein junger Immigrant, der 1855 Deutschland den Rücken gekehrt hatte. Die wirtschaftliche Situation in der Heimat war desaströs.

Das Ziel vieler war Großbritannien; dort waren die Zeiten rosiger – vor allem für Schneider. Die Kundschaft für gutes Schneiderhandwerk wuchs stetig, denn damals war das Prêt-à-porter noch nicht so weit und man kleidete sich – ohne Rücksicht auf die eigene soziale Klasse – als Herr immer mit Anzug und Krawatte.

Das Geschäft florierte bis in seine alten Tage; 1917 war aufgrund anti-deutscher Stimmungen jedoch dazu gezwungen, seine Position als Geschäftsführer aufzugeben.

Ein paar Jahre zuvor konnte Jacob seinen Sohn Arthur noch an die Merchant Taylor’s School schicken, wo dieser den jungen Engländer William „Tim“ Skinner kennenlernen durfte. Dessen Familie handelte schon zu dieser Zeit an der Jermyn Street. Die Namen fusionierten zu Dege & Skinner. Wegen eines herben Schicksalsschlags – die beiden jüngeren Brüder Arthurs starben – musste sich Arthur fortan alleine um die Familientradition kümmern. Die Namen wurden wieder entzweit.

1939 konnte William „Tim“ das Skinner-Business mit Zukauf der Firmen Wilkenson & Sohn erweitern. 1947 entschloss er ebenfalls den Namen Dege zu erwerben. Der Sohn von William, Michael Skinner, ergänzt seit 1953 die Geschäftsführung. 1967 wurden die beiden Militärschneider Rogers & Co. und John Jones annektiert.

Michael Skinner, der noch heute die Geschäfte von Dege & Skinner mitleitet, wusste schon früh, dass man Geld in die Hand nehmen muss, um Geld zu verdienen. So war er der erste, der mit seinen Schneidern die USA, Japan, die Emirate und Europa bereiste. Daher kommt es auch, dass über die Hälfte der D&S Kunden in Übersee wohnen. 2001 übernahm William Skinner in 5. Generation das Familiengeschäft und wurde 2016 Vorsitzender der Savile Row Bespoke Association: Der Ritterschlag – wenn nicht sogar die Krönung – für jeden Londoner Schneider.

Das schönste Schaufenster der Savile Row

Ich hatte die Ehre, die komplette Dege & Skinner Familie einschließlich William Skinner, der sich den jungen Deutschen, der über englische Schneider schreibt, ansehen wollte, kennenzulernen. Cass Stainton führte mich durch 10 Savile Row und stellte mich jedem Schneider persönlich vor. Die Damen und Herren hatten sich ein wenig schlau gemacht und wussten, dass ich nach der Arbeit an einem Fechtturnier teilnehmen würde – ich dachte eigentlich, ich müsste hier die Fragen stellen. Dadurch, dass ich auf die Herkunft des deutschen Namen Dege und die Verbindung zum deutschen Wort „Degen“ umleitete, kam ich dann doch zum Zug, den sympathischen Schneidern Fragen zu stellen.

Die Schneider von Dege & Skinner bei der Arbeit.
Die Schneider von Dege & Skinner bei der Arbeit.

Meine erste Frage richtete sich an den Chef der Institution an der Savile Row: Was macht für Sie den perfekten bzw. einen sehr guten Anzug aus?

A well made suit feels good from within and looks good from without. This is achieved by a combination of working from a well drafted pattern, using skilled coat makers and trouser makers, using natural fibres, which is in the main, wool.

Nicht jedem geht das gut von der Zunge. Ich übersetze mal frei: Ein gut gemachter Anzug fühlt sich gut an und sieht von außen gut aus. Nur durch die perfekte Kombination vom Zeichnen des Schnitts, der Umsetzung eines Jacken- und Hosenschneiders mit hochwertigen, nur natürlichen Textilen kann dies erreicht werden.

Da hätten wir jetzt aber auch drauf kommen können, Dieter!, höre ich Anke Engelke zu Olli Dietrich im Edgar Wallace Verschnitt „Der Wixxer“ in sächsisch schreien. Das mag simpel und einfach klingen, ist aber nicht umsonst ein berüchtigter Meisterberuf, der von vielen Lehrlingen – gerade in London – abgebrochen wird, weil er schlichtweg zu schwierig ist.

Den Dege & Skinner Hausstil zu erklären, fiel selbst mir als selbsterklärtem Enthusiasten schwer. William half mir auf die Sprünge:

An individually styled suit that draws on the companies heritage of military and sporting tailoring, creating a garment that has structure in the chest, shaped in the waist and drape in the shoulders.

Um dies zu erklären, muss ich dann doch ein wenig ausholen: Ähnlich wie bei Gieves & Hawkes fertigt das Haus immer noch sehr viele Uniformen für das britische Militär. Jedes vierte Kleidungsstück im Haus ist eine Militäruniform. Alle Details dieser Uniformen werden von Hand genäht und sind für die Schneider eine Herausforderung – vielleicht sogar mehr als bei einem normalen Anzug. Als besonderes Zeichen der Würde hält Dege & Skinner das exklusive Recht, die Officers Dress Jackets für die Kings Troops zu fertigen. Das Royal Warrant von Her Majesty Queen Elizabeth II. ist deshalb quasi selbstverständlich; die weiteren zwei von His Mayesty the Sultan of Oman und His Majesty the King of Bahrain sind umso ehrenvoller. Weil Williams Vater ein begeisterter Reiter war, kamen auch viele Kunden zu ihm, um sich für den Sport einzukleiden.

Eine Aufnahme zeigt die zeremoniellen Anzüge der Leibwächter der Queen: Der offizielle Titel ist 'The Queen's Body Guard of the Yeoman of the Guard'. Hierbei handelt es sich um 100% Handarbeit!
Die Leibwächter der Queen: ‘The Queen’s Body Guard of the Yeoman of the Guard’. Hierbei handelt es sich um 100% Handarbeit!

Ein Anzug von Dege & Skinner ist britisches Understatement pur. Er ist der verdeckte Tourbillion im Gehäuse der 12mm flachen Vacheron Constantin. Dege & Skinner fertigt den unauffälligen Maßanzug im Mutterland der Eleganz, weshalb mir nichts anderes übrig bleibt, als zu sagen: Wer von den modischen und unmodischen für seinen Stil wertgeschätzt werden und zeitlos galant gekleidet sein möchte, muss zur Savile Row No. 10… und richten Sie bitte beste Grüße von mir aus.

Ein Anzug von Dege & Skinner ist zeitlos.
Ein Anzug von Dege & Skinner ist zeitlos.

Zusatzinformationen

Erstens, Dege & Skinner ist eines der Gründungsmitglieder der Savile Row Bespoke Association: Die angesehenste Schneider Assoziation der Welt. Zweitens, nicht nur Anzüge sind Spezialität des Hauses, sondern auch Hemden. Mr Robert Whittaker – auf dem Titelbild in die Arbeit vertieft – ist eine Ikone und für viele sofort ein Begriff: ein Hemd von ihm sein Eigen zu nennen ist ebenso eine Ehre wie ein Anzug von Dege & Skinner.

Eine Schützenjacke von Dege & Skinner mit elastischen Bändern im Rücken des Futters. Durch diese innovative Konstruktion ist mehr Bewegungsfreiheit gewährleistet.
Eine Schützenjacke mit elastischen Bändern im Rücken des Futters für mehr Bewegungsfreiheit.

Drittens, ein weiteres elegantes Attribut wird bei den britischen Gentleman-Schneidern groß geschrieben: Diskretion. Kundennamen werden nicht veröffentlicht. Die Kunden sind eben solche, die den Namen ihres Schneiders geheim halten und seit Generationen Kunden bei D&S sind. MM

Dege & Skinner 10 Savile Row London, W1S 3PF Phone: +44 (0) 20 7287 2941 info@dege-skinner.co.uk Website Instagram
Dege & Skinner
10 Savile Row London, W1S 3PF
Phone: +44 (0) 20 7287 2941
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Maximilian Mogg

Kreativdirektor & Chefredakteur

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