Anderson & Sheppard – Soft Skills

Es öffneten sich die Türen der 32 Old Burlington Street – eine Parallelstraße der Savile Row in Mayfair – und mein Puls war bei 180. Die Ehre, die heiligen Hallen des wohl renommiertesten Schneiders in Mayfair besuchen zu dürfen, war unbeschreiblich. Ich stellte mich mit Frosch im Hals vor: My name is Maximilian Mogg. I have an appointment with you. Die Antwort war für die deutsche Seele untröstlich: With pleasure, Sir, but I am afraid you are one hour early. …  ****** Zeitunterschied! Die deutsche Unpünktlichkeit tat glücklicherweise der guten Atmosphäre eine Stunde später keinen Abbruch und mir wurden die Geheimnisse und Geschichte von Anderson & Sheppard präsentiert.

Leon Powell ist Coat Cutter bei A & S und hat mir Rede und Antwort gestanden.

Anderson & Sheppard – Ein Schneider nicht für irgendwen

Anderson & Sheppard wurde 1906 von Per Anderson gegründet. Dieser wurde von niemand geringerem als Frederick Scholte ausgebildet. Scholte war Schneider des Duke of Windsor (King Edward VIII) und Begründer des Drape Cuts – mehr Informationen über die Beziehung von King Edward VIII zu seinem Schneider und seiner Garderobe finden Sie in meinem Artikel Wie hat man die Hosen an?. Herr Scholtes Schulterkonstruktion war nach Richard Anderson die beste der Savile Row. Außerdem waren seine gnadenlosen Standards bei den Lehrlingen gefürchtet und von der Konkurrenz bewundert. King Edward VIII drückte es einmal so aus:

Scholte had rigid standards concerning the perfect balance of proportions between shoulders and waist in the cut of a coat to clothe the masculine torso . . .  These peculiar proportions were Scholte’s secret formula.

Dass die britische Institution sich immer noch auf Scholte berufen kann, liegt nur an der rigorosen Ausbildung von A & S, in der von Generation zu Generation das Geheimnis der Konstruktion und des Schnitts weitergegeben wird. Der Kunde kann sich also sicher sein, dass nicht nur die Royals Könige sind, sondern auch er. Das wissen vor allem die Frankfurter und Hamburger Kunden bei den halbjährlichen deutschen Trunkshows von Anderson & Sheppard zu schätzen.

Die Ausbildung bei Anderson & Sheppard ist essentieller Bestandteil, um die Qualität auf konstant hohem Niveau zu halten.
Die Ausbildung bei Anderson & Sheppard ist essentieller Bestandteil, um die Qualität auf konstant hohem Niveau zu halten.

Der Stil besticht durch weiche Eleganz

Bei meinem Gespräch mit Leon Powell wurde der Stolz auf die einmalige Ausbildung und das außergewöhnliche Kundenerlebnis sehr deutlich. Auf die Frage hin, wie der weiche Stil von Anderson & Sheppard zustande kommt, erklärte mir der Coat Cutter, dass dies die Kombination verschiedener Techniken zugleich ist. Die weichen Schultern werden gefolgt von einer elegant schmalen weichen Konstruktion um die Taille. Generell folgt die Linie des Coats der natürlichen Silhouette des Trägers. Hieran merkt man unter anderem, dass A & S immer ein Civil Tailor war: Der Stil ist also weit weg von dem auf der Savile Row weitverbreiteten harten Militärschnitt. Dass man häufig zweireihige Jacken bei der Kundschaft entdeckt, soll nicht davor abschrecken, auch einen einreihigen Anzug beim Schneider der Eliten zu bestellen.

Eine mehr als interessante Entwicklung ist indes, dass man bei Anderson & Sheppard den Kunden nicht dazu zwingt, den Anzug nur beruflich zu tragen. In der benachbarten Haberdashery werden Bespoke-Modelle mit mondänen Accessoires und Ready-To-Wear Garderobe für den smarten Ausflug am Wochenende präsentiert. Der Trend hin zur kleineren, aber feineren Garderobe gespickt mit zeitlosen Klassikern, die die Dame oder der Herr sich auf Maß schneidern lässt und mit hochqualitativen Ready-To-Wear-Stücken verschieden kombinieren und wirken lassen kann, wurde auch bei A & S erkannt. Endlich hier angekommen, verflog auch langsam meine Scham für das Verfehlen des Termins und ich fühlte mich ob der Atmosphäre ein bisschen weniger deutsch und viel mehr wie ein britischer Gentleman.

Der Stil ist soft: Hier zu sehen sind Coats aus dem Bespoke Shop kombiniert mit Accessoires der hauseigenen Haberdashery.
Der Stil ist soft: Hier zu sehen sind Coats aus dem Bespoke Shop kombiniert mit Accessoires der hauseigenen Haberdashery.

Zusatzinformationen

Erstens, die gesamte Kundenliste ist arg gefährdend für den Kiefer, deshalb beschränke ich mich auf die bekanntesten Träger: Fred Astaire, HRH Prince of Wales (Prince Charles), Gary Cooper, Cary Grant, Manolo Blahnik und Tom Ford. Zweitens, die nächsten deutschen Trunkshows in der Hansestadt und der Finanzmetropole sind im Frühjahr nächsten Jahres. Ein Termin ist für denjenigen, der an dem britischen soften britischen Stil Gefallen gefunden hat, Pflicht. Drittens, die RTW-Kleidung und die Accessoires in der hauseigenen Haberdashery sind qualitativ atemberaubend und ragen durch auserlesene Farben hervor. Beim momentanen Pfund sollte die benachbarte Clifford Street in jedem Fall besucht werden. Viertens, Fred Astaire benötigte den Anzug zum Tanzen. Dementsprechend erlaubte er sich immer die Anzüge vorher zu testen. Getestet wurde in der Umkleide. Das Personal entfernte den Teppich und Mr Astaire schwang das Bein, um sicher zu gehen, dass seine berühmten Tanzschritte nicht  – Gott bewahre – durch den Anzug eingeschränkt werden könnten. MM

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Maximilian Mogg

Kreativdirektor & Chefredakteur

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